04.12.2015 Marcel Tanner: «Wir sind glücklich, dass unser Ansatz ‹miteinander lernen, um zu verändern› in Nord und Süd aufgenommen und umgesetzt wird.»

Kurzinterview Marcel Tanner. Prof. Dr. Marcel Tanner hat Ende Juni 2015 nach 18 Jahren die Leitung des massgeblich von ihm mitgestalteten Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts TPH in Basel abgegeben. In seiner Amtszeit hat sich das ehemalige Schweize-rische Tropeninstitut zu einer global tätigen Institution mit einem interdisziplinären Ansatz in Lehre, Forschung und Dienstleistung entwickelt. Standen früher Fragen zur Infektionsbiologie von Krankheiten wie der Malaria oder der Schlafkrankheit im Vordergrund, wuchs mit Tanner die Überzeugung, dass Krankheit, Gesundheit und Gesundbleiben nur in einem Gesamtkontext verstanden werden können: Lebens-umstände, ökologische und kulturelle Einflüsse. Unter Tanners Leitung forcierte das Institut den interdisziplinären, systemischen Ansatz. «Der Kontext zwischen Gesundheits- und Sozialsystemen ist entscheidend», ist Tanners Überzeugung.

Prof. Dr. Marcel Tanner.

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Prof. Dr. Marcel Tanner.

spectra: Welche Krankheiten sind zurzeit die grössten Bürden dieser Welt – und was kann dagegen getan werden?

Marcel Tanner: Noch immer sind in den armen, mittelschwachen Ländern – vor allem im Süden – die Krankheiten der Armut, d.h. HIV, Tuberkulose und Malaria, sowie die sogenannten vernachlässigten Tropenkrankheiten («Neglected Tropical Diseases», kurz NTDs) die grösste Bürde. Zu den NTDs gehören u.a. das Dengue-Fieber, die Bilharziose, die Schlaf-krankeit, die Leishmaniose, die intestinalen Wurmerkrankungen und auch die lebensmittelbürtigen Egelerkrankungen. Wichtig ist aber auch, dass mit der wachsenden Urbanisierung auch die nichtübertragbaren Erkrankungen in den sogenannten Entwicklungsländern zunehmen: Herz-Kreislauf-Probleme, Ernährungsprobleme und Fettleibigkeit sowie Tumore. Somit ist der «dual burden of diseases» – die doppelte Krankheitslast – gerade in mittelschwachen Ländern besonders gross und wird zur enormen Herausforderung für die nationalen Public-Health-Strategien und die Global-Health-Ansätze.  

Wie hat sich die Entwicklungs-hilfe in den letzten Jahren und Jahrzehnten zur internationalen Zusammenarbeit gewandelt?

In diesem Gebiet haben sich erfreulicherweise viele gute Entwicklungen ergeben. Zwei Entwicklungen waren und sind entscheidend:

1. Der Weg «weg von der Hilfe, hin zur Zusammenarbeit», im Sinne von «miteinander lernen, um zu verändern» (mutual learning for change). Diesen Ansatz haben wir am Swiss TPH konsequent verfolgt und sind glücklich, dass viele Organisationen und Regierungen in Nord und Süd diesen Ansatz aufgenommen und umgesetzt haben.

2. Das systemische Angehen von Gesundheitsfragen – weg vom Verfolgen einzelner Krankheiten und Probleme. Selbst wenn wir wirksame Mittel von der Diagnose bis zur Behandlung und Prävention haben, benötigen wir die Gesundheits- und Sozialsysteme, um wirksame Medikamente, Diagnostika und Impfstoffe zur betroffenen Bevölkerung zu tragen. Es genügt also nicht, die «Magic Bullets» zu entwickeln, sondern es braucht auch die «Magic Guns» – und diese sind in Public und Global Health die Gesundheits- und Sozialsysteme.  

Die Schweiz ist ein sehr reiches (aber ziemlich kleines) Land, was können wir zur Gesundung der Welt beitragen?

Wir können und haben viel beigetragen und müssen diese positiven Ansätze konsequent verfolgen:

1. Noch verstärkteres Einbringen des «mutual learning for change» und des systemischen Angehens der Gesundheitsprobleme.

2. Weiteres Fördern von neuen Ansätzen, wie Forschung und Entwicklung für vernachlässigte Erkrankungen (vor allem Armutskrankheiten und NTDs, s.o.) durch Verbindungen zwischen öffentlichem und privatem Sektor (Product Development Partnerships, kurz PDPs) gestärkt werden kann. Die Schweiz unterstützt, insbesondere durch die Direktion
für Entwicklungszusammenarbeit DEZA, schon sehr stark die in der Schweiz ansässigen PDPs Medicines for Malaria Venture (MMV), Drugs for Neglected Diseases initiative  (DNDi) und die Foundation for Innovative Diagnostics (FIND). Das möge weitergehen und ausgebaut werden!

3. Weiteres Stimulieren der Pharmaindustrie, sich in die PDPs einzubringen oder selbst solche Initiativen zu starten, wie zum Beispiel das Not-for-profit Novartis Institute for Tropical Diseases in Singapur (NITD).

4. Anregen und Unterstützen der universitären Forschung und der damit verbundenen Förderung von jungen Forscherinnen und Forschern auf diesen Gebieten, vor allem auch der angewandten Forschung durch weitere Spezialinitiativen des Schweizerischen Nationalfonds und der
DEZA.  

Medien und Öffentlichkeit reagieren heftig, wenn unbekannte Krankheiten in unsere heile Welt zu gelangen drohen – jüngstes Beispiel: Ebola. Welches sind die ernsthaften Gefahren und wie kann man ihnen begegnen?

Richtig ist, wenn reagiert wird. Wir lernen aus Ebola oder andern «neuen» Krankheiten, dass die Überwachung entscheidend ist. Jedes Gesundheits- und Sozialsystem ist vorbereitet, wenn es konsequent einen Ansatz von «Überwachung und Reaktion» verfolgt, d.h. mit einem System der kontinuierlichen Sammlung und Analyse der minimal nötigen Informationen bereit ist, um sofort zu reagieren. Gelingt uns dieser Wechsel, können wir beherzt vielen Herausforderungen begegnen. Das Problem ist, das leider zu viele Gesundheitssysteme vor allem Daten sammeln – obwohl die Jäger- und Sammlerzeit der Menschheit längst vorbei ist –, jedoch diese kaum analysieren und somit nicht oder zu spät reagieren.    

Weshalb ist es so wichtig, dass Menschen sich auch hierzulande gegen Krankheiten impfen lassen, wo die meisten schlimmen Infektionskrankheiten so gut wie ausgerottet sind?

Es gilt die Herdenimmunität zu halten, damit eben vor allem die Säuglingskrankheiten nicht wieder aufflackern können. Damit leisten wir einen grossen und wichtigen Beitrag zum Wohlbefinden unserer Gesellschaft. Es braucht  einen grossen Impfabdeckungsgrad (Coverage) damit eben diese Herden-immunität gehalten werden kann und wir keine Epidemien erleben. Damit leisten wir nicht nur einen nationalen, sondern auch globalen Beitrag zum Wohlbefinden.  

Dass Krankheit und Armut eng miteinander verbunden sind, zeigt die Erfahrung in den armen Ländern dieser Welt. Wie steht es bei uns, in den hoch entwickelten Industriestaaten?

Auch bei uns sind kranke Menschen vernachlässigt, nicht nur, weil sie nicht «produktiv» sind, sondern weil sie auch nicht ein voll wirksamer Teil eines Sozialsystem sein können. Und so beginnt die Spirale von Krankheit und Vernachlässigung bis zur Armut; durchaus vergleichbar der Situation in mittelschwachen Ländern.  

Sie sind trotz teilweisem Ruhestand überaus aktiv, zum einen als Professor an der Universität Basel und zum anderem reisen Sie regelmässig um den ganzen Erdball. Mit welchen Projekten beschäftigen Sie sich zurzeit gerade?

Im Moment bin sehr mit der Entwicklung von Malariaimpfstoffen und neuen Medikamenten gegen NTDs beschäftigt und engagiere mich für neue Ansätze für die verteilungsgerechte Gesundheitsplanung bei uns wie auch in mittelschwachen Ländern.

Ich komme gerade von sehr herausfordernden Tätigkeiten in Vanuatu und den Salomonen zurück. Gerade in solchen komplexen Inselstaaten des Pazifiks lernen wir, was es heisst, mit sehr beschränkten Mitteln eine verteilungsgerechte Gesundheitsversorgung aufzubauen. Diese Erfahrungen sind gerade auch für Fragen der Gesundheitsplanung in der Schweiz und unsere Strategie Gesundheit2020 in der reichen Schweiz extrem relevant – wiederum ein gemeinsames Lernen: Durch Vergleiche über Systeme und Kulturen hinweg, können wir auch in unserem Überflussleben in der Schweiz – oder breiter in Europa – lernen, uns wirksamer für Gesundsein und Gesundbleiben einzusetzen.  

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