07.05.2018 Medizinisches Cannabis – kein Wundermittel, aber eine valide therapeutische Option

Medizinisches Cannabis. Das Interesse für eine medizinische Anwendung von Cannabis ist gross und die Anzahl der Ausnahmenbewilligungen beim BAG ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. Doch wann und bei wem wirkt Cannabis? spectra wollte es genau wissen und traf sich mit der Pflegefachfrau Bea Goldman. Sie betreut seit Jahren schwer kranke Patientinnen und Patienten, die medizinisches Cannabis anwenden. Wir sprachen mit ihr über ihre Erfahrungen in der Praxis.

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Gleich am Anfang stellt Bea Goldman klar, dass der medizinische Einsatz von Cannabis Wissen und professionelle Instruktion braucht. Denn Cannabis ist ein Naturprodukt mit über 500 Inhaltsstoffen, davon 120 Cannabinoide, die bis heute nur teilweise erforscht sind. Diese interagieren miteinander und in Kombination mit anderen Medikamenten. Weiter reagiert jeder Mensch unterschiedlich auf Cannabis. Und es bestehen noch immer viele offene Fragen: Warum wirkt Cannabis bei manchen Menschen schon in geringen Mengen, bei anderen erst in höheren Dosierungen, und weshalb vertragen wieder andere die Wirkstoffe gar nicht respektive spüren keine Wirkung? Warum lindert es in einem Fall Übelkeit und im anderen tritt diese als Nebenwirkung auf? Warum wirkt die Pflanze als Ganzes besser als ein einzelner, isolierter Inhaltsstoff? Aus Sicht der Expertin braucht es hier dringend Forschung. 

«Cannabis ist kein Wundermittel, das in jedem Fall hilft.» Bea Goldman, Pflegefachfrau 

«Cannabis ist kein Wundermittel, das in jedem Fall hilft», sagt Bea Goldman. «Es gibt immer Menschen, die nicht darauf ansprechen oder nur Nebenwirkungen haben.» Sie erklärt, dass der Einsatz von Cannabis darum in jedem Fall ein Herantasten ist, ein Herantasten an die individuell wirksame Dosierung. Da sie aber in ihrer Tätigkeit auf eine beachtliche Zahl Menschen trifft, die gut darauf reagieren, bedauert sie es, dass Cannabis immer noch den Ultimo-ratio-Status besitzt. Das heisst, es darf erst beantragt und verschrieben werden, wenn sich alles andere als unwirksam erweist – im Sinne eines letzten therapeutischen Versuchs. Besonders bei unheilbaren, chronischen Erkrankungen wäre es für sie wünschenswert, vor dem Einsatz anderer Mittel mit teilweise mehr Nebeneffekten einen Therapieversuch mit einer Probedosis Cannabis einzusetzen. 

Vielfältiger Einsatz bei unterschiedlichen Krankheitsbildern

Frau Goldman berichtet über positive Effekte bei verschiedenen Patientengruppen durch den Einsatz von Cannabis. Dazu gehören Menschen mit chronischen Schmerzen, Spastiken, schmerzhaften Muskelkrämpfen oder neuropathischen Schmerzen und Entzündungen. Aber auch bei Krebspatienten während der Chemotherapie. Sie erzählt von Aids-, Asthma-, Epilepsie-, Morbus-Crohn-oder Tourette-Syndrom-Patientinnen und -Patienten, die eine Linderung von Symptomen und Nebenwirkungen festgestellt haben. Ein spannender Effekt ist auch die oftmals verbesserte Lebensqualität, d.h., dass neben der Reduktion der Beschwerden auch sekundäre Wirkungen zu beobachten sind: ein verbesserter Schlaf, mehr Appetit sowie eine verbesserte Bewältigung der Erkrankung – bei Fachleuten bekannt unter Coping. Angehörige berichten oft, dass die Betroffenen gelassener sind und sich nicht mehr alles nur um die Krankheit dreht. Die Beziehungen innerhalb des Familien- und Freundeskreises werden entspannter und plötzlich ist es wieder möglich, Zukunftspläne zu schmieden, an Ausflüge oder Ferien zu denken. 

Dauerhafte Wirkung trotz kurzer Einnahme – Praxisbeispiel 1

spectra unterhielt sich mit Frau Jost*, deren Mann während zwei Monaten medizinisches Cannabis einnahm. Herr Jost* (80 Jahre) leidet an Polyneuropathie und ist in Behandlung wegen Parkinson. Sie berichtet, dass ihr Mann unter Zappelanfällen in den Beinen litt. Dies führte dazu, dass er sehr unruhig schlief und mehrmals pro Nacht aufstehen musste, um sich Linderung zu verschaffen. Über eine Bekannte erfuhren sie von Cannabis als Medizin. Ihr Mann war lange Zeit skeptisch, hatte er doch schon sehr viele Medikamente ausprobiert, die nichts bewirkten. Vor dreieinhalb Jahren entschied sich das Ehepaar gemeinsam mit dem behandelnden Arzt, beim BAG ein Gesuch um eine Ausnahmegenehmigung für den Einsatz von Cannabis einzureichen, das bewilligt wurde. Die Dosis wurde langsam gesteigert. Bereits nach wenigen Tagen waren die positiven Wirkungen sicht- und spürbar. Herr Jost hatte praktisch keine Symptome mehr und konnte endlich durchschlafen. Nach zwei Monaten war die Besserung so stark, dass Herr Jost entschied, das medizinische Cannabis abzusetzen. Erfreulicherweise hat die Wirkung bis heute angehalten und das Zappeln zeigt sich nur noch sporadisch. Der Gewinn an Lebensqualität für beide Ehepartner war beachtlich. 

Behandlungsstopp wegen Nebenwirkungen – Praxisbeispiel 2

Ein ehemaliger Polizist (55 Jahre) mit einer degenerativen, unheilbaren neurologischen Erkrankung, mit Schmerzen in der Muskulatur, der auch an Schlaflosigkeit und sporadischen Muskelkrämpfen litt, sprach sehr schlecht auf herkömmliche Medikamente an. Die Nebenwirkungen waren unerträglich, sodass er lieber die Symptome in Kauf nahm. Als letzte Möglichkeit wurde versucht, medizinisches Cannabisöl anzuwenden. Eine Linderung seiner Muskelbeschwerden trat ein und er konnte besser schlafen, dafür aber setzte Durchfall ein. Für den Pflegebedürftigen mit kaum vorhandener Hand-, Arm-und Beinfunktion war das unerträglich. Es stellte sich heraus, dass dies in Zusammenhang mit dem Cannabisöl stand. Schweren Herzens musste er die Behandlung stoppen. 

* Namen geändert. 

Was ist medizinisches Cannabis?

Medizinisch verwendete Cannabinoide können sowohl natürlich als auch synthetisch hergestellt werden. Als medizinisches Cannabis oder medizinisches Marihuana bezeichnet man die weiblichen Blüten der Hanfpflanze oder auch Präparationen davon, wenn diese zur Behandlung oder Linderung von Symptomen und Beschwerden einer Krankheit eingesetzt werden anstatt als Genussmittel. Jede Cannabissorte, die eine effektive Menge von aktiven Cannabinoiden, also Wirkstoffen, enthält, kann als medizinisches Cannabis betrachtet werden, sofern sie zu diesem Zweck angewendet wird.  

Das Endocannabinoidsystem ist ein körpereigenes Regulationssystem, das an vielen wichtigen Funktionen beteiligt ist wie z.B. auch an psychologischen Veränderungen, die uns Menschen schützen und helfen sich an veränderte Bedingungen anzupassen. Es ist weiter an der Regulierung einer Vielzahl von physiologischen Funktionen in unserem Körper beteiligt und hilft uns, in Balance zu kommen oder zu bleiben. Es besitzt auch eine Schutzfunktion: Bei übermäßigem Stress wird es aktiv und hilft dem Körper, in den Normalzustand zurückzufinden. Wir produzieren bei Bedarf unsere eigenen Cannabinoide (Endocannabinoide). 

Das bekannteste Cannabinoid ist Δ9-Tetrahydrocannabinol (THC), welches unter anderem eine (dosisabhängige) psychoaktive Nebenwirkung haben kann. Deshalb wird es als Betäubungsmittel eingestuft. Das andere bekannte Cannabinoid CBD mit einer Vielzahl von untersuchten Wirkmechanismen (entzündungshemmend, schmerzmodulierend, krampflösend etc.) ist hingegen nicht psychoaktiv. Es hilft aber zusammen mit andern Cannabisinhaltsstoffen, die psychoaktiven Nebenwirkungen des THC zu reduzieren. CBD ist zurzeit nicht als Heilmittel zugelassen, da die Forschungsdaten- ungenügend sind. Aufgrund der geringen Toxizität und häufig mangelnden Therapieoptionen bei schweren unheilbaren Erkrankungen behandeln sich viele Kranke in Eigenregie mit CBD aus dem freien Markt.

Die Verabreichung von Cannabinoiden erfolgt meistens in Form von Ölen, Tropfen oder Sprays. Eine Suchtentwicklung ist auch bei lang dauernder Behandlung vernachlässigbar. Therapiepausen nach 2 bis 3 Monaten Behandlung werden empfohlen. Diese Zeitdauer kann oft bereits ausreichen, um die Beschwerden dauerhaft auf ein erträgliches Mass zu lindern (siehe Praxisbeispiel 1). 

​Das Wichtigste zum Bewilligungsverfahren für die Anwendung von medizinischem Cannabis

Die medizinische Anwendung von Cannabis Bedarf in jedem Fall einer Ausnahmebewilligung, weil es sich nach dem Gesetz um ein verbotenes Betäubungsmittel handelt. Das Gesuch können nur die behandelnden Ärztinnen und Ärzte mit einer Berechtigung zur Berufsausübung in der Schweiz einreichen, ergänzt mit der schriftlichen Einwilligung des Patienten/der Patientin. Diese müssen in der Schweiz wohnhaft sein. Angenommen werden nur eigenhändig unterschriebene, physische Gesuche. Gesuche per E-Mail sind nicht zulässig. Zudem müssen die Gesuche vollständig sein und den Sachverhalt ausführlich wiedergeben. Zwischen- und Schlussberichte werden von den Ärzten verlangt. Die Bewilligung gilt nur für einen bestimmten Zeitraum und muss spätestens zwei Wochen vor Ablauf erneuert werden. Wird die Behandlung abgebrochen, muss dies mit einer kurzen Begründung gemeldet werden.

Link zum Bewilligungsverfahren beim BAG

Links

Kontakt

Catherine Ritter, Abteilung nicht-übertragbare Krankheiten, drogen@bag.admin.ch 

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