06.09.2018 mHealth als Ergänzung zur fachlichen Beratung

7 Fragen an Ursula Koch, Leiterin Vorsorge, Betreuung und Nachsorge und Mitglied der Geschäftsleitung der Krebsliga. Die Krebsliga rechnet digitalen Applikationen ein hohes Potenzial zu. Nicht nur für das Selbstmanagement, die Betreuung und die Rehabilitation von Betroffenen. Gerade bei einer ganzheitlichen Erkrankung wie Krebs können Applikationen der besseren Vernetzung der verschiedenen Akteure dienen und dadurch die Koordination und den Informationsfluss erleichtern.

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Ursula Koch, Mitglied der Geschäftsleitung der Krebsliga.

Weshalb unterstützt die Krebsliga mHealth-Projekte?

Die Krebsliga setzt sich für die Prävention von Krebserkrankungen sowie eine bedürfnisgerechte Beratung und qualitativ gute Versorgung von Krebsbetroffenen ein. mHealth bietet dabei ein grosses Potenzial, um die Versorgung und das Selbstmanagement der Betroffenen zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Lifestyle-Tools liessen sich optimaler in Betreuung und Rehabilitation einsetzen, digitale Applikationen zum Symptom-/Nebenwirkungsmanagement sowie zur Vermittlung von Gesundheitsinformationen könnten das Krankheitsmanagement unterstützen und Entscheidungs- und Orientierungshilfe bieten.

Wo macht mHealth Sinn?

mHealth macht immer dann Sinn, wenn es auf einfache, nutzerfreundliche Weise die Betroffenen oder die Leistungserbringer in ihrem Umgang mit einer Krebserkrankung unterstützt. mHealth muss zu einer qualitativ hochstehenden, niederschwelligen, kostengünstigen und patientengerechten Versorgung beitragen und den Informationsfluss und die Koordination verbessern.

Was können mHealth-Anwendungen zur Prävention von Krebserkrankungen beitragen?

Hier stehen bisher vor allem die Wellness- Apps im Vordergrund, die z.B. zu mehr Bewegung und gesunder Ernährung motivieren. Solche Apps können auch als Unterstützung bei der Bewegungstherapie in der Onkoreha sowie zur Integration der Bewegung in den Alltag nach Abschluss der Therapie eingesetzt werden. Dies kann nicht nur zur Förderung der Gesundheit generell, sondern auch zur Vermeidung von Folgeerkrankungen beitragen.

«Bisher gestaltet sich der Transfer von mHealth-Lösungen in den Versorgungsalltag schwierig. Es besteht kaum Markt- und Qualitätstransparenz.»

Welche Rolle können mHealth- Anwendungen in der alltäglichen Unterstützung von Krebspatienten spielen?

Im Rahmen der Nationalen Strategie gegen Krebs fand im Februar das Symposium «Digiself» (digiself2018.ch) statt, wo Fachpersonen konkrete mHealth- Anwendungen bei Krebs präsentiert haben. Diese sollen als Ergänzung zur fachlichen Betreuung verstanden werden. Zur Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Körper und Psyche wurde etwa die Entspannungs-App Can-Relax und für eine bessere Kommunikation zwischen Betroffenen und dem Behandlungsteam die App Consilium entwickelt. Es gibt aber auch umfassendere Lösungen, wie den ONCOMPASS™ in Holland. Dieser bietet in einem digitalen Patientendossier individuelle Gesundheitsinformationen, bedürfnisgerechte Beratung, stellt Entscheidungshilfen bereit und unterstützt die Terminverwaltung sowie die Koordination der verschiedenen Akteure. Diese Lösung wird von der Krankenkasse vergütet.

Wo in der Onkologie sehen Sie die grössten Herausforderungen für einen Erfolg von mHealth?

Bisher gestaltet sich der Transfer von mHealth-Lösungen in den Versorgungsalltag als schwierig. Es besteht kaum Markt- und Qualitätstransparenz. Auch fehlt es an Interoperabilität zwischen Patientenanwendungen und den Anwendungen der Leistungserbringer. Dies, kombiniert mit der Geschwindigkeit, mit der neue mHealth-Lösungen auf den Markt kommen, macht es schwierig, sinnvolle Anwendungen zu identifizieren und systematisch in die Gesundheitsversorgung zu überführen.
Im Gegensatz dazu ist Google immer und überall erreichbar und bietet Expertenwissen für Laien.
Um gute Patienteninformationen bereitzustellen, müssen Fachpersonen nicht nur verlässliche Infoquellen empfehlen, sondern auch die unterschiedlichen Bedürfnisse der Krebsbetroffenen kennen. Letztlich korreliert die Nutzung von mHealth-Lösungen stark mit dem sozioökonomischen Status, dem digitalen Nutzungsverhalten und der Gesundheitskompetenz (eHealth Literacy) der Betroffenen. Es stellt sich auch immer die Frage der Qualität sowie des Datenschutzes. Es gilt, Seriosität und Verlässlichkeit sowie den Datenschutz zu garantieren. Last, but not least, fehlt es an der Evidenz über (Kosten-)Effizienz vieler mHealth-Lösungen. Hier zeigt sich, dass die Akzeptanz grösser wäre, wenn sie von Arzt, Krankenkasse, bzw. einer übergeordneten, kompetenten Instanz ausgewählt und empfohlen wird.

«mHealth-Lösungen können die Vor- und Nachbereitung der Arzt-Patienten-Kommunikation unterstützen.»

Welche Hoffnungen hegen Sie in mHealth, was die Kommunikation Arzt–Patient betrifft?

mHealth-Lösungen können die Vor- und Nachbereitung unterstützen. Dies z.B. durch das Real-Time-Monitoring von Symptomen. So kann die Zeit gezielt zur Besprechung der konkreten Anliegen genutzt werden und Patienten erhalten adäquate Gesundheitsinformationen. mHealth-Lösungen können aber auch bei der «Übersetzung» der Diagnosen sowie zur besseren Vernetzung der diversen Akteure beitragen. Krebs ist eine ganzheitliche Erkrankung des gesamten Organismus, welche das Mitwirken diverser Fachpersonen erfordert. Hier hege ich die Hoffnung, dass digitale Lösungen zur Vereinfachung der Koordination, zur Verbesserung des Infoflusses zwischen Leistungserbringer, Betroffenen und ihren Angehörigen beiträgt.

Worin sehen Sie die Rolle der kantonalen und regionalen Krebsligen in der weiteren Entwicklung von mHealth?

Die Rolle der Ligen liegt meines Erachtens in der Bereitstellung von digital zugänglichen, evidenzbasierten, einfach verständlichen Informationen über alle Phasen des Patientenpfads. Weiter sollen die digitale Beratung und Unterstützung (Onlineberatung, Chats, Foren) sowie der Peer-to-Peer-Austausch (Online- Community, soziale Netzwerke) gefördert werden. Durch das Bereitstellen und das Selektionieren von qualitativ guten, evidenzbasierten mHealth-Angeboten wie z.B. Apps und Entscheidungshilfen kann eine bessere Orientierung geschaffen werden. Zudem können die Ligen für die Nutzung des elektronischen Patientendossiers sensibilisieren.

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