01.05.2013 Migrantinnen und Migranten gehen seltener zum Arzt

Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen. Die in der Schweiz lebenden Migrantinnen und Migranten nehmen das Gesundheitswesen anders in Anspruch als Einheimische. Aber auch innerhalb der Migrationsbevölkerung bestehen grosse Unterschiede. Das zeigt eine Auswertung der Daten des Gesundheitsmonitorings der Migrationsbevölkerung (GMM ll) und der Schweizerischen Gesundheitsbefragung, die das Schweizerische Gesundheitsobservatorium im Rahmen des Nationalen Programms Migration und Gesundheit vorgenommen hat.

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Die im GMM II befragten Zugewanderten aus der Türkei, Portugal, Serbien, dem Kosovo, Somalia und Sri Lanka suchen deutlich seltener einen Arzt auf als die einheimische Bevölkerung. Am wenigsten Arztbesuche verzeichnen die Kosovarinnen und Kosovaren sowie ältere serbische Männer. Betrachtet man jedoch die Anzahl Spitalaufenthalte, zeigt sich ein gegenteiliges Bild: In den zwölf Monaten vor der Befragung wurden 16% der ausländischen Befragten, aber nur 11% der Einheimischen ein- oder mehrmals hospitalisiert. Auch Notfalldienste, Spitalambulatorien und Polikliniken werden von Migrantinnen und Migranten etwas häufiger aufgesucht. Ein Grund für die höhere Inanspruchnahme von Spital- und Not­falldiensten bei Migrantinnen und Migranten könnte sein, dass diese teilweise keinen Hausarzt haben und sich deshalb direkt an die grossen Institutionen wenden. Auch Gynäkologinnen und Gynäkologen werden leicht häufiger von Migrantinnen als von Schweizerinnen aufgesucht. Dieser Unterschied lässt sich jedoch mit der höheren Geburtenrate bei der Migrantinnen erklären. Migrantinnen und Migranten werden in der Schweiz doppelt so häufig wegen Depression behandelt wie Schweizerinnen und Schweizer (10 vs. 5%), wobei deutlich mehr Migrantinnen (13%) in Behandlung sind als Migranten (7,5%). Am stärksten betroffen sind Personen aus dem Asylbereich (Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene). Hingegen verzeichnen die Schweizerinnen und Schweizer eine leicht höhere Einnahme von Medikamenten als die Migrationsbevölkerung. Dies gilt jedoch nicht für Schmerzmittel: Die befragten Migrantinnen und Migranten konsumieren mehr schmerzstillenden Medikamente als die Schweizerinnen und Schweizer.

Differenzierte EmpfehlungenEin Grund für die unterschiedliche
Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen durch die ausländische Bevölkerung könnte mangelndes Wissen über die Angebote und die Nutzung des hiesigen Gesundheitswesens sein. Hier sollten Migrantinnen und Migranten besser informiert werden. Um gesundheitliche Chancengleichheit zu gewährleisten, bedarf es auch gezielter Massnahmen für einzelne Gruppen. So müssten zum Beispiel jene Migrantinnen und Migranten, die vor allem den Notfalldienst nutzen, über das Schweizer Hausarztsystem informiert werden. Personen, die besonders gefährdet sind, an einer Depression zu erkranken, müssten frühzeitig die nötige Unterstützung von ihrer ersten Ansprechperson im Gesundheitswesen erhalten, um komplizierten Verläufen vorzubeugen. Dazu ist eine entsprechende Schulung und Sensibilisierung der medizinischen Fachpersonen sinnvoll. Der erhöhte Schmerzmittelkonsum bei immigrierten Männern könnte mit schwerer körperlicher Arbeit zusammenhängen. Diese Gruppe sollte wissenschaftlich genauer untersucht werden, nicht zuletzt, weil der starke Schmerzmittelkonsum auch auf ein erhöhtes Invalidisierungsrisiko hinweist. Um Veränderungen bei der Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen durch die Migrationsbevölkerung zu erkennen, sind regelmässige Monitorings notwendig.

Kontakt

Karin Gasser, Nationales Programm Migration und Gesundheit, karin.gasser-gp@bag.admin.ch

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