06.09.2018 Mit Anna und Lukas zu mehr Bewegung finden

Interview mit Tobias Kowatsch. Die «digitale Pille» PathMate ist eines der Projekte am Digital Center for Health Interventions (CDHI) der Universität St. Gallen und der ETH Zürich, mit dem die physische mit der digitalen Welt zusammengebracht werden soll. PathMate will Kinder und Jugendliche, die an Adipositas leiden, Hilfe zu einer Verhaltensänderung bieten. Finanziert wird das Projekt vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF). Das CDHI arbeitet dabei mit Partnern des Universitätsspitals in Genf und dem Ostschweizer Kinderspital St. Gallen zusammen. Wir haben uns mit Tobias Kowatsch, dem Scientific Director des CDHI, über das Projekt unterhalten.

Bildstrecke Mit Anna und Lukas zu mehr Bewegung finden

TODO CHRISTIAN

Anatamonie «digitaler Pillen». Quelle: Center for Digital Health Interventions.

Anatomie «digitaler Pillen», Quelle: Center for Digital Health Interventions

Bildstrecke Mit Anna und Lukas zu mehr Bewegung finden

TODO CHRISTIAN

Anatomie «digitaler Pillen», Quelle: Center for Digital Health Interventions

Bildstrecke

spectra: Was tun Sie am Center for Digital Health Interventions?

Tobias Kowatsch: Wir beschäftigen uns seit mehreren Jahren damit, die physische und die digitale Welt zusammenzubringen und bestimmte Verhaltensweisen zu unterstützen. PathMate war im Jahr 2012 das erste Projekt im Gesundheitsbereich. Allerdings hatten wir nie die Intention, etwa Spitäler in intensivmedizinischen Fragestellungen zu unterstützen. Vielmehr wollten wir auf das Alltagsverhalten und Lebensstilveränderungen einwirken. Das heisst etwa auf Ernährungsweisen und das Bewegungsverhalten oder auch, wie mit Stress umgegangen wird. Alle diese Faktoren sind für viele Krankheitsbilder relevant und müssen im Alltag selbst in Angriff genommen werden.

Welche Spezialisten und Experten beschäftigen Sie?

Unser Team besteht zu 80 Prozent aus Informatikerinnen und Informatikern, zu 20 Prozent aus Psychologen. Wir selbst sind daher keine medizinischen Domänenexperten. In unseren Projekten benötigen wir daher immer Ärztinnen und Ärzte, die uns sagen, wo das Problem liegt. Unsere Hauptaufgabe ist es, uns zu überlegen, wie Technologie Gesundheitsverhalten unterstützen kann, um im Alltag besser mit dem Krankheitsbild klarzukommen.

Welchen Herausforderungen sind Sie im Verlaufe des Projekts PathMate begegnet?

Sehr wichtig war, dass die App möglichst einfach anzuwenden ist. Generell werden Apps nach der ersten Euphorie, d.h. nach zirka drei Tagen, nicht mehr genutzt. Wir haben uns gefragt, wie kommunizieren Menschen? Sieht man sich um, dann geschieht das meist mit Messaging Apps wie z.B. WhatsApp. Daraufhin haben wir eine ähnliche Chat App kreiert. Eine Herausforderung ist nach wie vor das Umfeld, in dem Kinder und Jugendliche mit Adipositas leben und aufwachsen. Eltern sind oft geschieden, haben einen Migrationshintergrund, und so ist es teilweise schwierig, mit ihnen in der Sprechstunde zu kommunizieren. Auch haben sie oftmals keine Zeit für ihre Kinder oder wollen nach einem harten Arbeitstag ihre Ruhe. Kommt von ihrer Seite keine Unterstützung, nützt auch die beste Technologie nichts.

Wo sehen Sie den Zusatznutzen einer solchen Applikation in Bezug auf die Behandlung von Adipositas im Gegensatz zu einer gängigen Behandlungsmethode?

Normalerweise bekommen die Patientinnen und Patienten Aufgaben mit nach Hause: Inlineskaten, mit den Eltern einen Ausflug zu Fuss machen, Entspannungsübungen usw. Einen Tag vor der nächsten Konsultation einen Monat später füllen sie ihr Tagebuch aus. Sie wissen dann zwar noch, was sie heute getan haben, doch was letzte Woche war, meist nicht mehr. Eine «digitale Pille» hingegen muss nicht manuell ausgefüllt werden, sondern die Daten können zumeist automatisch erhoben werden und geben so dem Behandelnden ein objektiveres Bild ab und ermöglichen gegebenenfalls schnellere und bessere Interventionen.

«Zuoberst steht das praktische Problem, das uns die Ärzte vorgeben.»

Wie ist PathMate aufgebaut?

PathMate ist wie jedes unserer Projekte entlang einer Pyramide aufgebaut (s. Abbildung 1). Zuoberst steht das praktische Problem, das uns die Ärzte vorgeben. Unsere Arbeit beginnt dort, wo wir uns überlegen, welches der aktuelle State of Vulnerability (Messen der Verwundbarkeit) ist oder derjenige in naher Zukunft. D.h., dass wir rechtzeitig erkennen können, wann eine Intervention seitens der Ärzte angezeigt ist. Bei PathMate kann das dann sein, wenn der Patient seit einigen Tagen nicht mehr mit uns kommuniziert hat. Hier kann der Arzt direkt in den Chat einsteigen. Das bedeutet einerseits Kontrolle, ist andererseits aber auch ein Motivator für den Patienten, dranzubleiben und sich unterstützt zu fühlen. Dazu muss allerdings von Beginn an ein Vertrauensverhältnis vorhanden sein. Weiter ist der State of Receptivity (Messung der Aufnahmebereitschaft) für uns wichtig, um zu erkennen, wann der beste Zeitpunkt ist, mit dem Patienten zu kommunizieren, und dieser bereit ist, darauf zu reagieren. Hier nutzen wir die Sensorik: Telefoniert die Person, schläft sie, ist sie in einem Meeting? Es ist wahrscheinlich ein besserer Zeitpunkt, wenn das Smartphone entsperrt ist, als wenn ich merke, die Person joggt jetzt gerade. So schicken wir über den Tag verteilt Nachrichten hinaus und messen, wann der Patient geantwortet hat und wann nicht, d.h., wir versuchen auch, Vorhersagemodelle zu entwickeln. Unser Hauptauftrag dabei bleibt, zum richtigen Zeitpunkt Unterstützung zu bieten und intervenieren zu können (Digital Coaching).

Was sind die Rahmenbedingungen, die erfüllt sein müssen, damit ein solches Instrument systematisch in der Behandlung von Adipositas eingesetzt werden kann?

Wir machen Grundlagenforschung und haben einen Prototyp von PathMate erstellt. Wir stellen Ergebnisse zur Verfügung wie: Um die Patienten im Alltag zu erreichen, ist eine App mit einem Chatbot nützlich, der zudem noch eine Geschichte erzählen sollte. Damit ein solches Projekt allerdings zur Marktreife gelangt, braucht es ein Unternehmen, das die Produktentwicklung macht und diese «digitale Pille» professionell anbietet. Das können nicht wir tun.

Haben Sie bereits Resultate aus der Studie?

Die klinische Studie muss zeigen, dass die Kinder erreicht werden und dass ein Einfluss auf Alltagsbewegung und Ernährungsverhalten, Stress usw. erzielt werden kann. Die Folge sollte ein reduzierter BMI sein, was die Fragestellung der Ärzte war. Wir wissen aber noch nicht, wie die Studie endet, die Ergebnisse liegen uns noch nicht vor. Was wir jedoch sagen können, ist, dass die jungen Patienten am Ende der 6-monatigen, hochfrequenten Intervention (d.h., es gab jeden Tag eine kleine Aufgabe) über 50 Prozent der täglichen Ziele erreicht haben. Es gibt sicher noch Verbesserungspotenzial, doch wüsste ich keine digitale Intervention, die ein ähnliches Ergebnis geschafft hat. Das sind nun wirklich objektive Daten. Es stellt sich nur die Frage, ob die Ziele adäquat sind.

«Digitale Pille» PathMate

Die App gestaltet sich entlang einer Story: Ein digitaler Freund geht verloren, den man auf einer Insel suchen gehen muss. Schritte – und damit Bewegung – sammelt man, indem etwa eine Wasserstelle gesucht werden muss, um auf der Insel überleben zu können. Um von einer Insel zur nächsten zu gelangen, pustet man in die Segel eines virtuellen Segelboots und führt so eine Atemübung durch und lernt gleichzeitig, mit Stress besser umzugehen. Bezüglich des Essverhaltens können die Kinder und Jugendlichen Fotos ihrer Mahlzeiten einsenden, die mit Ernährungsexperten in einer Sprechstunde angeschaut werden. Das tägliche digitale Coaching passiert dabei über die beiden Chatbots Anna oder Lukas. Wird während bspw. dreier Tage nicht geantwortet, erfolgt eine Meldung direkt beim Leistungserbringer, der seinerseits interveniert (über einen zweiten Chatkanal oder ganz traditionell via Telefon).

Links

Kontakt

Tobias Kowatsch, Scientific Director, Center for Digital Health Interventions, tobias.kowatsch@unisg.ch

Nach oben