01.05.2014 Mobile Health ist ein Megatrend

Gesundheitskommunikation. Prof. Dr. Andréa Belliger ist Prorektorin der PH Luzern und Co-Leiterin des Instituts für Kommunikation & Führung. Sie leitet u.a. den Studiengang CAS eHealth – Gesundheit digital. Als Spezialistin für neue Trends im Bereich eHealth und Digital Health gibt sie uns hier einen Einblick in ihre Einsicht zum Thema mHealth.

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Kein Trend der Informations- und Kommunikationstechnologie hat sich rasanter etabliert als die Mobilkommunikation. 3,2 Millionen Menschen in der Schweiz, darunter die Hälfte der 9- bis 16-jährigen Jugendlichen, greifen via Smartphone und Tablets auf das Web zu. Seit 2013 gibt es weltweit erstmals mehr Mobilgeräte als Menschen, wir sind die erste Generation, die überall kostenlosen WIFI-Internetzugang erwartet. Die intuitiv zu bedienenden Mobilgeräte sind in wenigen Jahren zu Türöffnern für den Zugang zu Information, Kommunikation und Partizipation für ganz unterschiedliche Generationen geworden.

Mehr Patientenautonomie
Natürlich bedienen sich unter dem Begriff «Mobile Health» oder mHealth auch Gesundheits- und Wellnessaktivitäten zunehmend mobiler Technologien. mHealth steht dabei für alle Dienstleistungen in den Bereichen Prävention, Diagnose, Therapie, Genesung und Rehabilitation, die auf Basis von Biosensor-, Mobilfunk- und Internettechnologien operieren. mHealth-Services erheben, speichern, verarbeiten und verbreiten die verschiedensten Gesundheitsdaten.
Mobile Geräte und spezielle Softwareanwendungen, insbesondere in Form von Apps, registrieren Vitaldaten, führen automatisierte Funktionen wie zum Beispiel Warnmeldungen aus und ermöglichen die Kommunikation. Ein Diabetiker kann zum Beispiel laufend seine Blutzuckerwerte mit einem mobilen Gerät messen und die Daten direkt an
seinen Arzt oder an sein webbasiertes Patientenportal senden. Er kann auf Wunsch allen Personen, die für seine Betreuung zuständig sind und mit ihm im Austausch stehen, überall und jederzeit Zugang zu seinen Daten geben. Seien es Ärzte, Pflegefachpersonen, Familienangehörige oder andere Diabetiker in einer Online-Patientencommunity. Diese können somit zeit- und ortsunabhängig therapeutisch oder unterstützend intervenieren.

Vom Blutdruckmessen bis zur «intelligenten» Wohnung
Das weite Feld von mHealth-Angeboten lässt sich grob in vier Bereiche unterteilen:
1. Health Apps (es gibt rund 40 000 Apps zum Thema Gesundheit und Krankheit)
2. Mobile Gesundheitsgeräte (zum Beispiel Blutdruckmessung via Mobiltelefon, mobile Ultraschallgeräte, interaktive Pillendosen)
3. Mobile Dienstleistungen (zum Beispiel elektronische Verschreibung von Medikamenten [ePrescription], Online Sprechstunde [eConsulting])
4. Weitere Trends wie in Kleidungsstücke integrierte Sensoren («wearable computers»), Messsensoren, die geschluckt werden und sich nach Datenerfassung im Körper auflösen («transcient electronics»), Biosensoren zur Messung von Vitalfunktionen, Künstliche-Intelligenz-Projekte wie der Computer «Watson», der mit medizinischen Informationen gefüttert wird und zur medizinischen Entscheidungsfindung beitragen soll, oder intelligente, interaktive Wohnräume, dank denen man im Alter oder bei Krankheit länger zu Hause wohnen kann («ambient assisted living»)

Mit dem Thema mHealth rücken weitere Trendthemen ins Blickfeld wie etwa die Erfassung von Daten zur Selbstbeobachtung wie z. B Schritte, Schlafsensoren (Quantified-Self-Bewegung), Analyse grosser Datenmengen aus vielfältigen Quellen (Big Data), Health Data Analytics, Patientenforum (ePatient Crowdsourcing) und personalisierte Gesundheit.

Der Markt für mHealth-Anwendungen hat sich in den letzten Jahren rasch entwickelt und zeichnet den zeitlichen Entwicklungsverlauf von der initialen Test- und Versuchsphase (bis 2008) über die gegenwärtige Kommerzialisierungsphase (2008–2015) bis zur künftigen Implementierungsphase (ab 2015).

Patientinnen und Patienten als treibende Kraft
Studien attestieren diesen neuen Möglichkeiten der Datenerfassung, Datenauswertung und Kommunikation ein Potenzial der Zeit- und Kosteneinsparung durch effizienteres Kommunikations- und Workflow-Management, partizipative Entscheidungsfindung und neue Möglichkeiten der Personalisierung von Präventions- und Gesundheitsdienstleistungen. Indem die Gesundheitsversorgung zunehmend «community-basiert» in das Alltagsleben der Patienten und Bürger integriert wird, fördert mHealth patientenzentrierte Modelle von Gesundheitsdienstleistungen. Treibende Kraft hinter vielen Entwicklungen im Bereich mHealth sind interessanterweise häufig die Patientinnen und Patienten selbst.
Bemerkenswert an diesem Trend ist, dass das Potenzial von mHealth nicht allein auf technologische Innovationen in Software, Hardware und deren Vernetzung zurückzuführen ist, sondern auf eine tiefgreifende Veränderung des gesellschaftlichen Kommunikationsverhaltens. Im Zentrum steht die Vision einer offenen, dezentralen, verteilten und interaktiven Kommunikation, die das Teilen, Mitteilen, Interagieren und Partizipieren in den Vordergrund stellt. mHealth nimmt in diesem Sinne keine Sonderstellung ein, sondern ist als bedeutende Tendenz im Gesundheitssystem zu verstehen, das in einem weltweiten sozialen Transformationsprozess zu einer Netzwerkgesellschaft eingebettet ist.

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Kontakt

Patricia Elias, Sektion Innovationsprojekte, patricia.elias@bag.admin.ch

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