01.07.2013 Nationale Präventionsprogramme ziehen Bilanz

Berichte der Programmphase 2008–2012. Nichtübertragbare Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen sind heute weltweit die häufigste Todesursache. In über der Hälfte der Fälle sind sie auf Rauchen, Alkoholmissbrauch, zu wenig Bewegung oder auf eine unausgewogene Ernährung zurückzuführen. Doch diese Krankheiten sind nicht einfach Schicksal: Mit einem gesunden Lebensstil lassen sie sich zu einem grossen Teil verhindern. Hier setzen die drei Nationalen Präventionsprogramme Alkohol, Tabak sowie Ernährung und Bewegung an: Sie sollen die Menschen dabei unterstützen, einen möglichst gesunden Lebensstil zu führen, sei es durch Information und Motivation (Verhaltensprävention), sei es durch das Schaffen gesundheitsförderlicher Verhältnisse und Gesetze (Verhältnisprävention). Alle drei Programme waren auf fünf Jahre, von 2008 bis 2012, angelegt und wurden noch während der Laufzeit um weitere vier Jahre verlängert, um die Kontinuität zu sichern und noch nicht Erreichtes weiter zu verfolgen. Nun liegen die Berichte für die ersten fünf Jahre vor. «spectra» fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen.

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Nationales Programm Alkohol 2008–2012 (NPA)

Rund 250 000 Menschen in der Schweiz sind alkoholabhängig. Jede fünfte Person in der Schweiz trinkt zu viel oder zu oft Alkohol, oder auch zur falschen Zeit, etwa während der Schwangerschaft oder während der Arbeit. Bei den Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren trinkt sich jeder Vierte regelmässig in den Rausch, bei den 20- bis 24-Jährigen mehr als jeder Dritte.

Beim Alkoholkonsum geht es nicht wie beim Tabakkonsum um eine «Nulltoleranz», sondern um einen verantwortungsvollen Umgang. So lautet die Vision des NPA denn auch: «Wer alkoholische Getränke trinkt, tut dies, ohne sich selber und anderen Schaden zuzufügen.» Konkretisiert wurde diese Vision mit sieben Oberzielen:
1. Sensibilisierung der Bevölkerung für Alkoholmissbrauch
2. Aktiver Jugendschutz
3. Reduktion des problematischen Konsums
4. Bekämpfung der Alkoholabhängigkeit
5. Verminderung der negativen sozialen Folgen des Alkoholmissbrauchs
6. Schutz des direkten Umfelds
7. Vernetzung der Akteure

Bereits in einer Zwischenevaluation im Jahr 2010 wurde klar: Es ist unrealistisch, diesen Zielekatalog innerhalb von gut vier Jahren zu erfüllen. Das NPA 2008–2012 hat aber eine solide Grundlage für die nächsten vier Jahre geschaffen und einige Massnahmen erfolgreich etablieren können.

Die wichtigsten Ergebnisse
Solide Aufbauarbeit: Das NPA 2008–2012 ist das erste Alkoholprogramm auf nationaler Ebene überhaupt. Ein wichtiges Ziel des NPA war es, die Alkohol­politik in der Schweiz kohärenter und wirksamer zu gestalten und die Zusammenarbeit unter den Akteuren zu fördern. Heute kann man sagen: Das NPA ist auf gutem Weg. Die Programmorganisation, die Instrumente und Austauschplattformen zwischen Bund und Kantonen sind eingerichtet. Themen wie «Alkohol im Alter» oder «Alkohol im öffentlichen Raum» wurden konzertiert angegangen. Eine Begleitgruppe NPA stellt die Vernetzung aller Akteure sicher.

Verbesserter Jugendschutz: Der Jugendschutz ist ein zentrales Anliegen des NPA. Ziel war es, den Vollzug der Jugendschutzgesetze (Einhaltung der Abgabeverbote) zu verbessern und zu kontrollieren. Dazu wurden Schulungen für Verkaufspersonal und ein nationaler Leitfaden für die Durchführung von Testkäufen entwickelt. Darüber hinaus verfolgte das Programm keine Aktivitäten im Bereich gesetzlicher Regelungen.

Optimierter Einsatz der finanziellen Mittel: Mit dem Aufbau eines nationalen Finanzierungssystems von Alkoholpräventionsgesuchen und dem Einsatz eines Expertengremiums wird ein optimaler Einsatz der Mittel der Alkoholprävention sichergestellt. Eine nationale Arbeitsgruppe strebt für die Zukunft mehr Wirksamkeit und Transparenz für die Nutzung des Alkoholzehntels an.

Erfolgreiche Kampagne: Mit der Kampagne «Ich spreche über Alkohol» wurde eine ganz neue Art von Alkoholprävention erfolgreich lanciert. Sie fordert die gesamte Bevölkerung auf, über das Thema Alkohol und Alkoholmissbrauch zu diskutieren. Der partnerschaftliche Ansatz erwies sich dabei als grosse Stärke der Kampagne: während der «Dialogwoche Alkohol», dem zentralen Anlass der Kampagne, organisieren Kantone, NGO und Private rund 600 Anlässe zum Thema.

Bessere Datenlage: Die Datenlage wurde dank der systematischen Schliessung von Forschungslücken verbessert. Zudem wird das 2011 in Kraft gesetzte Suchtmonitoring auch in Zukunft Grunddaten bereitstellen. Darüber hinaus liefern diverse neue Studien wichtige Fakten für die Akteure im Feld. Dazu gehören Daten zum Thema Alkoholkonsum am Arbeitsplatz, im Alter oder Alkohol und Gewalt.

Ausblick auf das NPA 2013–2016
Für die Umsetzungsphase bis 2016 bleiben die Vision und die Oberziele erhalten, das NPA konzentriert sich aber auf drei strategische Schwerpunkte: Jugendschutz, Sensibilisierung der Bevölkerung und Unterstützung der verschiedenen Akteure in ihrer Präventionsarbeit.

Nationales Programm Tabak 2008–2012 (NPT)

In der Schweiz sterben jedes Jahr mehr als 9000 Menschen vorzeitig an den Folgen des Rauchens. Das sind rund 25 Todesfälle pro Tag. Die volkswirtschaftlichen Kosten werden auf jährlich 5 Milliarden Franken geschätzt. Immaterielle Kosten, wie der Verlust von Lebensqualität, sind in diesem Betrag nicht berücksichtigt. Das NPT verfolgt die Mission, die tabakbedingten Todes- und Krankheitsfälle zu reduzieren. Die drei davon abgeleiteten Oberziele sind:
1. Senkung des Anteils der Rauchenden in der Gesamtbevölkerung von 29 Prozent (2007) auf rund 23 Prozent
2. Senkung des Anteils der Rauchenden unter den 15- bis 19-Jährigen von 24 Prozent (2007) auf unter 20 Prozent
3. Senkung des Anteils der Personen, die wöchentlich sieben Stunden oder mehr dem Passivrauchen ausgesetzt sind, von 27 Prozent (2006) auf rund 5 Prozent

Von den Oberzielen hat das NPT gemäss Daten aus dem Jahr 2011 das Oberziel 3 beinahe vollumfänglich erreicht; der Anteil der Passivrauchenden lag 2011 bei 5,4 Prozent. Bei den Oberzielen 1 und 2 geht der Trend in die richtige Richtung: In der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil der Rauchenden bei 24,8 Prozent, bei den 15- bis 19-Jährigen bei 22,5 Prozent (Stand 2011). Diese Rückgänge sind auf einen ausgewogenen Mix an erfolgreichen Massnahmen zurückzuführen.

Die wichtigsten Ergebnisse
Wirksame Regulierung: Dank dem 2010 eingeführten Bundesgesetz zum Schutz vor Passivrauchen sowie den kantonalen Regelungen, die zum Teil weiter gehen als das Bundesgesetz, konnte die Passivrauchexposition markant gesenkt werden (siehe Oberziel 3). Eine weitere wichtige Massnahme waren die Tabaksteuererhöhungen um insgesamt 50 Rappen pro Schachtel seit 2009. Steuererhöhungen gehören zu den wirksamsten Massnahmen, um den Anteil Rauchender zu senken.

Gesellschaftlicher Wandel: Nichtrauchen gilt heute im gesellschaftlichen Zusammenleben als selbstverständlich. Entsprechend hoch ist auch die Akzeptanz für die Tabakprävention und für Rauchverbote. So unterstützen 86,6 Prozent der Bevölkerung das Gesetz zum Schutz vor Passivrauchen. Zu diesem Stimmungswandel beigetragen haben auch die Kampagnen des Bundesamts für Gesundheit «Weniger Rauch  mehr Leben», «Eigentlich logisch» und «SmokeFree».

Verhaltensprävention: Mit diversen vom Tabakpräventionsfonds finanziell unterstützten Projekten wie «Rauchfreie Lehre» oder «Experiment Nichtrauchen» haben Kantone und NGO junge Nichtrauchende darin unterstützt, nicht mit dem Rauchen anzufangen. Rauchende wurden darin unterstützt, den Tabakkonsum aufzugeben, etwa mit dem Nationalen Rauchstopp-Programm oder der Website «Stop-tabac.ch» und einer entsprechenden Smartphone-App.

Partnerplattform Tabakprävention: Eine Zwischenevaluation des NPT aus dem Jahr 2010 brachte Mängel bei der Zusammenarbeit mit den Umsetzungspartnern des NPT und bei der Koordination zutage. Insbesondere die Koordination zwischen dem NPT und dem Tabakpräventionsfonds sowie die Zusammenarbeit zwischen dem Bund und den Kantonen liefen nicht optimal. Das BAG hat darauf die Partnerplattform Tabakprävention ins Leben gerufen, an der sich die Umsetzungspartner des NPT regelmässig zum Austausch treffen.

Ausblick auf 2013–2016 des NPT
Das NPT 2008–2012 hat im Bereich Passivrauchen sein Ziel erreicht. Noch ist es aber nicht gelungen, den Anteil Rauchender auf die Zielmarke von 23 Prozent respektive auf unter 20 Prozent bei den Jugendlichen zu reduzieren. Das NPT will diese Zielvorgaben bis 2016 erreichen, denn jede Verringerung der Anzahl Rauchender trägt dazu bei, die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen zu verbessern und Kosten im Gesundheitswesen zu sparen.

Nationales Programm Ernährung und Bewegung 2008–2012 (NPEB)

In der Schweiz sind heute 30 Prozent der Erwachsenen übergewichtig und 9 Prozent adipös (fettleibig). Das heisst, sie haben einen Body-Mass-Index (BMI) von ≥25 (Übergewicht) respektive von ≥30 (Adipositas). Auch jedes fünfte Kind ist von Übergewicht (15 Prozent) oder Adipositas (5 Prozent) betroffen. Ein Grund dafür ist der Lebensstil, der sich in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz stark verändert hat: Die Menschen essen zu viel Salz, Zucker und Fett, und sie bewegen sich zu wenig. Die Folgekosten von Übergewicht und Adipositas und der damit verbundenen nicht übertragbaren Krankheiten haben sich innerhalb von fünf Jahren mehr als verdoppelt: sie sind von 2,7 Milliarden Franken im Jahr 2001 auf 5,8 Milliarden Franken im Jahr 2006 angestiegen.

Doch wie kann man sich in einem ausgefüllten Alltag ausgewogen und schmackhaft ernähren? Wie ein Minimum an Bewegung in den Alltag einbauen, wenn man von frühmorgens bis spätabends beruflich unterwegs ist? Hier setzt das Nationale Programm Ernährung und Bewegung (NPEB) an: Sein Ziel ist es einerseits, die Eigenverantwortung des Einzelnen zu stärken, und andererseits, äussere Bedingungen zu schaffen, die es den Menschen möglichst einfach machen, einen gesunden Lebensstil zu pflegen. Entsprechend wurden die Ziele des NPEB formuliert:
1. Sicherstellung der nationalen Koordination
2. Förderung einer ausgewogenen Ernährung
3. Förderung von Bewegung und Sport
4. Integrierte Ansätze zur Förderung eines gesunden Körpergewichts
5. Optimierung der Beratungs- und Therapieangebote

Die wichtigsten Ergebnisse
Monitoring-System Ernährung und Bewegung (MOSEB): Um die Koordination zwischen den Akteuren sicherzustellen und schweizweit einheitliche und vergleichbare Daten zu sammeln, wurde das Monitoring-System Ernährung und Bewegung aufgebaut. Es nutzt bestehende Datenquellen und zeigt auf, in welchen Bereichen Projekte und Daten fehlen. Zurzeit besteht das MOSEB aus 51 Indikatoren. Es kommen laufend neue dazu.

26 actionsanté-Aktionen: Mit der Initiative actionsanté unterstützt und vernetzt der Bund Unternehmen und Institutionen, die sich mit freiwilligen Aktionen für einen gesundheitsförderlichen Alltag einsetzen. Bis Ende 2012 haben sich 16 Unternehmen und Organisationen mit 26 Aktionen verpflichtet. Bei den meisten Aktionen handelt es sich um das Bereitstellen von gesünderen Lebensmitteln.

Erkenntnis für die Salzstrategie: In einer Studie im Rahmen der Salzstrategie konnte nachgewiesen werden, dass eine Salzreduktion in Backwaren, Käse, Fleisch­erzeugnissen und Fertiggerichten die Lebensmittelsicherheit und den Geschmack nicht beeinträchtigen würde. Die Salzstrategie hat zum Ziel, den zu hohen Pro-Kopf-Salzkonsum (Männer 10.6 Gramm und Frauen 7,8 Gramm  statt den von der WHO empfohlenen 5 Gramm pro Tag) der Schweizerinnen und Schweizer zu senken.

Qualitätsstandards für die Gemeinschaftsgastronomie: Ernährungs- und Gesundheitsexperten haben Qualitätsstandards erarbeitet, die Mensen, Kantinen, Heim- und Spitalküchen dabei unterstützen, eine gesundheitsfördernde Verpflegung anzubieten. In der Schweiz verpflegen sich täglich bis zu einer Million Menschen in der Gemeinschaftsgastronomie.

Breitensport für alle Altersklassen: Im Rahmen des Programms Jugend+Sport bildet das Bundesamt für Sport Leiterinnen und Leiter in 75 Sportarten aus und unterstützt jährlich rund 50 000 Sportkurse und -lager für rund 700 000 Kinder und Jugendliche zwischen 5 und 20 Jahren. Seit 2009 gibt es mit dem Programm «Erwachsenensport Schweiz esa» ein vergleichbares Angebot für Erwachsene.

Multisektoraler Ansatz für Alltagsbewegung: Durch Zusammenarbeit mit den Bundesämtern für Raumplanung, Strassen, Energie und anderen Partnern setzt sich das Bundesamt für Gesundheit für attraktiv gestaltete Quartiere, sichere Fuss- und Velowege und die Förderung des Langsamverkehrs ein.

20 Kantonale Aktionsprogramme (KAP): 2012 hatten 20 von 26 Kantonen ein Kantonales Aktionsprogramm zum gesunden Körpergewicht entwickelt. Gesundheitsförderung Schweiz unterstützt die Kantone mit Ressourcen, Koordination und Austauschplattformen.

Optimierung von Beratung und Therapie: 2010 wurden von der Expertengruppe Guidelines für Ärztinnen und Ärzte zum Umgang mit übergewichtigen Patientinnen und Patienten, Patienteninformationen sowie eine Internetplattform mit einer Liste von Beratungs- und Therapieangeboten entwickelt.

Ausblick auf das NPEB 2013–2016
Für die nächsten vier Jahre werden keine massgeblichen Änderungen am NPEB vorgenommen. Einzig die Ziele werden wirkungsbezogener und überprüfbar formuliert und ein Reporting eingeführt.

Die Schlussberichte sind online erhältlich:

- Nationales Programm Alkohol:
http://www.bag.admin.ch/themen/drogen/00039/00596/index.html?lang=de
- Nationales Programm Tabak:
http://www.bag.admin.ch/themen/drogen/00041/00613/index.html?lang=de
- Nationales Programm Ernährung und Bewegung:
http://www.bag.admin.ch/themen/ernaehrung_bewegung/13227/index.html?lang=de

Kontakt

– David Hess-Klein, Progammleiter NPA, david.hess-klein@bag.admin.ch
– Joëlle Pitteloud, Programmleiterin NPT, joelle.pitteloud@bag.admin.ch
– Alberto Marcacci, Programmleiter NPEB, alberto.marcacci@bag.admin.ch

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