22.02.2016 Nationale Strategie Sucht: «Ein Gleichgewicht zwischen Eigenverantwortung und Unterstützung für jene, die diese nötig haben.»

Fünf Fragen an Andrea Arz de Falco. Im Rahmen der bundesrätlichen Agenda «Gesundheit2020» sollen Gesundheitsförderung und Krankheitsvorbeugung intensiviert werden. Dazu gehört auch die Stärkung von Prävention, Früh-erkennung und Behandlung von Suchterkrankungen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat in einem partizipativen Prozess eine Nationale Strategie Sucht für die Jahre 2017 bis 2024 erarbeitet, die Mitte November vom Bundesrat verabschiedet wurde. Bis Ende 2016 werden die entsprechenden Massnahmen entwickelt. Wir sprachen mit Andrea Arz de Falco, Vizedirektorin des BAG, über die wichtigsten Züge und Ziele der Suchtstrategie.

Andrea Arz de Falco, Vizedirektorin des Bundesamts für Gesundheit.

Bildstrecke Nationale Strategie Sucht: «Ein Gleichgewicht zwischen Eigenverantwortung und Unterstützung für jene, die diese nötig haben.»

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Andrea Arz de Falco, Vizedirektorin des Bundesamts für Gesundheit.

Das Elend der offenen Szenen hat in den 80er- und 90er-Jahren alle aufgeschreckt und das Drogenproblem auf Platz eins des Schweizer Sorgenbarometers katapultiert. Welches sind die aktuellen Brennpunkte?

Es beschäftigen uns heute zweierlei Aspekte: einerseits die sogenannten klassischen Suchtformen wie Tabak, Heroin oder Alkohol, die für die Betroffenen und ihr Umfeld viel Leid bedeuten können und gravierende Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben. Zwei Beispiele: In der Schweiz ist bei der Hälfte aller Straftaten Alkohol im Spiel und jeder siebte Todesfall hat mit dem Rauchen zu tun. Andererseits müssen wir aber auch Antworten auf neue Phänomene wie Medikamentenmissbrauch, Spielsucht oder Internetabhängigkeit finden, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben. Hinzu kommt, dass heute gerade junge Menschen häufig gleichzeitig verschiedene Substanzen konsumieren und so mehrere Risiken kumulieren.  

Konsum, auch derjenige von berauschenden Substanzen, ist grundsätzlich Privatsache. Wo sehen Sie – im staatlichen Handeln – die Grenze zwischen Unterstützung und Bevormundung?

Die Nationale Strategie Sucht basiert auf dem Gleichgewicht zwischen Eigenverantwortung und Unterstützung für jene, die diese nötig haben. Grundsätzlich geht die Strategie davon aus, dass Menschen Verantwortung für sich, ihre Gesundheit und ihre Umwelt übernehmen können und dies auch tun. Deshalb will die Strategie die Eigenverantwortung stärken, indem Menschen in ihrer Gesundheitskompetenz gefördert werden und so ihre Entscheide in Kenntnis der Risiken und der möglichen Folgen treffen können. Gesundheitskompetenz hängt jedoch stark von Bildung, Arbeit, familiärer Situation und anderen Faktoren ab. Es gilt deshalb, suchtgefährdete Risikogruppen frühzeitig zu erkennen.

Auch gesellschaftliche Realitäten wie die Veränderung der Arbeits-, Umwelt- und der allgemeinen Lebensbedingungen oder die Verfügbarkeit und die Preise verschiedener Substanzen und Angebote spielen bei der Entstehung oder Vermeidung von Sucht eine zentrale Rolle. Aus diesem Grund kommt den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eine hohe Bedeutung zu. Diese sollen so gestaltet werden, dass sie Menschen darin unterstützen, gesund zu leben. Zentrale Anliegen sind die Verhinderung des Einstiegs in einen problematischen Konsum, der zur Sucht führen kann, die frühzeitige Unterstützung gefährdeter Personen und die Unterstützung beim Ausstieg.  

Wo sehen Sie die Schnittstellen zu den anderen Strategien von Gesundheit2020 (Nichtübertragbare Krankheiten und psychische Gesundheit)?

Mit der Agenda Gesundheit2020 will der Bundesrat die Gesundheitsförderung und Krankheitsvorbeugung intensivieren. Die Nationale Strategie Sucht bildet künftig gemeinsam mit der Nationalen Strategie Prävention nichtübertragbarer Krankheiten und dem Bericht «Psychische Gesundheit in der Schweiz. Bestandsaufnahme und Handlungsfelder» ein wichtiges Fundament für die Verbesserung der Gesundheitsförderung und der Krankheitsvorbeugung in der Schweiz. Die Umsetzungspläne für diese drei Achsen werden derzeit unter Einbezug verschiedener Partner und mit Fokus auf die gegenseitige Abstimmung und das Schaffen von Synergien erarbeitet.

Daneben bestehen wichtige Berührungspunkte zur Förderung der koordinierten Gesundheitsversorgung, zu Massnahmen für die Effizienzsteigerung von Leistungen, zur Stärkung des Zugangs zu Gesundheitsleistungen oder zur gesundheitlichen Chancengleichheit sowie auch zur Förderung der Gesundheitskompetenz, zur Qualitätsstrategie und zur Gesundheitsaussenpolitik.

Mit ihrer Drogenpolitik (namentlich Schadensminderung und Substitution) hat die Schweiz in den 90er-Jahren weltweit Aufmerksamkeit erregt. Was interessiert das Ausland heute?

Unsere Viersäulenpolitik, insbesondere mit den Massnahmen im Bereich der Schadensminderung wie Spritzentausch und Konsumräume, aber auch unsere breite Erfahrung in der Zusammenarbeit zwischen Suchthilfe und Polizei stossen bis heute auf grosses Interesse. Aus diesem Grund engagiert sich die Schweiz seit Jahren dafür, die eigenen Erfahrungen zu dokumentieren und sie mit anderen Ländern auszutauschen, z.B. durch den Besuch ausländischer Delegationen in der Schweiz oder indem wir mit unseren Expertinnen und Experten an internationalen Veranstaltungen teilnehmen.

Doch auch wir können uns vom Ausland inspirieren lassen. In den letzten Jahren haben verschiedene Länder neue Schritte gewagt, die wir mit grossem Interesse verfolgen. So werden beispielsweise in Portugal sowie in Tschechien erste Erfahrungen mit dem straffreien Konsum von Drogen gesammelt, welche bisher durchaus positiv ausgefallen sind. Und auch die Cannabis-Debatte, wie sie insbesondere in Nord- und Südamerika geführt wird, hat natürlich Auswirkungen auf unsere Drogenpolitik.

Aber auch in anderen Bereichen ist der Austausch auf internationaler Ebene wichtig. So sehen wir am Beispiel des Rahmenabkommens zur Tabakkontrolle, welchen Einfluss etwa Werbeverbote auf das Konsumverhalten der Menschen haben können. Oder wir setzen uns auf europäischer Ebene dafür ein, dass die Gefängnisgesundheit verbessert wird, und das mit Erfolg. Hier hat glücklicherweise ein klares Umdenken stattgefunden. So geben mittlerweile sogar der Iran und Kirgistan in verschiedenen Gefängnissen Spritzen ab, um die Menschen vor HIV und Hepatitis zu schützen.  

Wie gehen Sie mit der Tatsache um, dass Sucht nicht nur ein gesundheitspolitisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist und dass oft andere Interessen (Marktfreiheit, Steuerertrag, AHV-Einnahmen) die Gesundheitsanliegen hintanstehen lassen? (Beispiel: halbherzige Kompromisse bei der Tabak- oder Alkoholprävention, weil die Industrie und der Handel zu starke Lobbys haben. Nach wie vor nicht ratifiziertes FCTC.)

Die Prävention hat in der Öffentlichkeit heute leider einen schweren Stand. Die negative Darstellung der Prävention – als genuss- und lustfeindlicher Ansatz – wurde so konsequent betrieben, dass sich in Teilen der Bevölkerung ein Grundgefühl der Skepsis gegen jede staatlich geregelte Prävention verbreitet hat. Über die Bedeutung vermeidbarer Suchterkrankungen oder chronischer Krankheiten für unsere Gesellschaft wird hingegen kaum gesprochen. Ich bin überzeugt, dass Prävention und Gesundheitsförderung ein wichtiges Ziel und eine öffentliche Aufgabe sind und dies auch in Zukunft bleiben werden. Der im internationalen Vergleich sehr gute Gesundheitszustand der Schweizer Bevölkerung wird längerfristig nur dann aufrechtzuerhalten sein, wenn Prävention als ganzheitliches und positiv besetztes Konzept auf allen Ebenen und in allen Sektoren berücksichtigt wird. Ganz im Sinne der Volksweisheit «Vorbeugen ist besser als heilen», die nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat. Dazu braucht es das Engagement und die Zusammenarbeit aller Akteure inner- und ausserhalb des Gesundheitssystems und die aktive Beteiligung der Bevölkerung.

Es muss uns gelingen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass ein gesunder Lebensstil Lebensqualität und Genuss bedeutet. Zudem ist er ein wichtiger Faktor dafür, wie «fit und zwäg» wir unser Leben im Alter verbringen. Dank unserer modernen Medizin und unserer qualitativ hochstehenden Gesundheitsversorgung leben wir immer länger. Die Frage stellt sich dann aber, welche Qualität unser Leben im Alter noch hat. Ob wir multimorbid oder körperlich und geistig fit alt werden, ist ein riesiger Unterschied. Es geht hier also nicht darum, Freude und Genuss zu verbieten, sondern vielmehr darum, dass jede und jeder sein eigenes Mass findet, um Lebensfreude, Lebensqualität und Gesundheit zu verbinden. Das Ziel des BAG ist auch hier ganz klar: Wer sich gesund verhalten will, soll das auch können. Daran arbeiten wir.  

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Kontakt

Valérie Maertens, Kommunikationsverantwortliche Abteilung Nationale Präventionsprogramme,  

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