13.09.2017 Schadensminderung im Spannungsfeld von medizinischer Praxis und öffentlicher Wahrnehmung

Sucht. PD Dr. med. Marcus Herdener ist Leiter des Zentrums für Abhängigkeitserkrankungen und stellvertretender Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Zürich. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der Behandlung suchtkranker Menschen und setzt sich stark für das Konzept der Schadensminderung ein.

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spectra: Warum löst das Konzept der Schadensminderung solche Ängste aus?

Marcus Herdener: Das Konzept der Schadensminderung geht davon aus, dass der Konsum von psychoaktiven Substanzen wie Alkohol, Tabak und anderen Drogen durch viele Menschen in unserer Gesellschaft eine Realität ist. Schadensminderung setzt auf einen möglichst sicheren Umgang mit Substanzen und auf die Reduktion negativer Folgen. Damit stellt sie aber auch das Ziel der drogenfreien Gesellschaft in Frage. Das ist für viele Menschen nicht leicht zu akzeptieren. Als das Konzept neu war, gab es zudem Befürchtungen, schadensmindernde Massnahmen könnten die Probleme eher vergrössern statt verkleinern. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass sich diese Befürchtungen nicht bewahrheitet haben.

Schadensminderung setzt auf einen möglichst sicheren Umgang mit Substanzen und auf die Reduktion negativer Folgen.

Bleibt die Abstinenz trotz Schadensminderung immer noch ein sinnvolles Ziel?

Das hängt von der betroffenen Person ab. Therapieziele müssen individuell auf die Lebenslage und die Persönlichkeit der Betroffenen zugeschnitten sein. Wir müssen wegkommen von einem Schwarz-Weiss-Denken, das Hilfeleistungen an vollständige Abstinenz koppelt und dazwischen keine anderen Lösungen sieht. Aus Sicht des Arztes muss die Erhaltung beziehungsweise Wiederherstellung der Gesundheit des Betroffenen das oberste Ziel sein. Aber es gibt viele Wege, darauf hinzuarbeiten, Abstinenz ist nur eine Möglichkeit davon. Oft ist dieses übergeordnete Ziel nur in Teilschritten zu erreichen.

Für welche Menschen kommt Schadensminderung insbesondere in Frage oder wer profitiert vor allem davon, wenn es diese Ansätze gibt?

Grundsätzlich kann Schadensminderung für alle Menschen die psychoaktive Substanzen konsumieren ein gangbarer Weg sein. Gesundheitliche Schäden, die sich aus dem Konsum ergeben, können so reduziert oder gar verhindert werden. Im Fokus stehen jedoch Menschen, die in ungünstigen sozialen Rahmenbedingungen leben. Auch wenn Betroffene traumatisiert sind oder an psychischen Krankheiten leiden, ist es für sie oft besonders schwierig, ganz vom Substanzkonsum Abstand zu nehmen.

Macht es für Sie Sinn, dass das Gesetz noch immer zwischen illegalen und legalen Drogen unterscheidet?

Das ist eine gute Frage. Der Umgang mit den einzelnen Substanzen ist vorwiegend historisch bedingt. Welche Substanz verboten ist oder nicht, wird stark von kulturellen und politischen Vorstellungen geprägt. Diese Sichtweisen berücksichtigen paradoxerweise den Schaden, den eine Substanz anrichten kann, nicht immer angemessen. Als Mediziner muss ich daher zumindest hinterfragen, ob die aktuell geltende Unterscheidung noch angemessen ist. So oder so werden aber Substanzen konsumiert, ob sie nun legal sind oder nicht. Wenn eine Substanz illegal ist, so kann dies jedoch Hilfeleistungen für die betroffenen Personen erschweren, gerade auch im Bereich der Schadensminderung.

So oder so werden aber Substanzen konsumiert, ob sie nun legal sind oder nicht.

Wie sehen Sie das: Ist Schadensminderung auch ein Konzept, das für unter sechzehn Jährige, Jugendliche angewendet werden kann?

Schadensminderung sollte überall dort in Betracht gezogen werden, wo Schädigungen vorhanden sind oder entstehen können – unabhängig von der Altersgruppe. Also auch bei Jugendlichen.

Man ist sich ja am Überlegen, das Konzept auch auf andere Gebiete auszuweiten. Kann das Konzept der Schadensminderung auch auf Verhaltenssüchte ausgeweitet werden?

Das Konzept der Schadensminderung ist historisch eher dem Konsum sogenannt harter oder illegaler Drogen zugeordnet. Wenn man sich die Gesundheitsschäden, die durch den Konsum psychoaktiver Substanzen entstehen, genauer anschaut, dann stellt man jedoch fest, dass gewisse legale Substanzen wie beispielsweise Alkohol und Tabak eine weitaus gewichtigere Rolle für die Gesundheit der Bevölkerung spielen. Auch Verhaltenssüchte wie beispielsweise die Glücksspielsucht können bei Betroffenen und ihrem Umfeld zu vielfältigen negativen Folgeerscheinungen führen. Deshalb denke ich, dass es sinnvoll ist, wenn Schadensminderung bei allen Formen von Abhängigkeitserkrankungen zur Anwendung kommt, also auch bei Verhaltenssüchten.

Was halten Sie von der Strategie Sucht? Ist der eingeschlagene Weg für Sie der Richtige?

Ich finde es gut, die Massnahmen zu Suchtproblemen in der Schweiz zu vereinheitlichen, wie dies die neue Strategie Sucht tut. Denn das bedeutet ja, dass verschiedene Felder, die vorher getrennt organisiert waren, nun unter einem gemeinsamen Dach zusammengeführt werden. Ob die Strategie gelingt, hängt wesentlich davon ab, wie gut die Zusammenarbeit der Partner unter diesem neuen gemeinsamen Bezugsrahmen funktioniert und welche Massnahmen letztlich umgesetzt werden können. Erst die Zukunft wird also zeigen, ob dieser Schritt richtig war oder nicht.

Wo sehen Sie die grössten Stolpersteine?

Ein zentrales Problem könnte sein, dass Lösungsansätze, die sich aus einer wissenschaftlichen Betrachtung heraus ergeben oder sich in der klinischen Praxis bewährt haben, auf politischer Ebene möglicherweise keine Akzeptanz finden und daher nicht in breitem Umfang umgesetzt werden können.

Welche besonderen Herausforderungen gibt es heute noch beim Thema Sucht?

Das Thema Sucht muss weiterhin in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Manchmal denke ist, dass das Problem etwas in Vergessenheit bzw. in den Hintergrund geraten ist, vielleicht auch weil es erfreulicherweise keine offenen Drogenszenen mehr gibt.

Stichwort: Schadensminderung

Schadensminderung (Engl. harm reduction) steht für das Konzept, die individuellen und gesellschaftlichen Schäden, die durch den Konsum psychoaktiver Substanzen entstehen, zu reduzieren. Im Gegensatz zur vollständigen Abstinenz ist der Ansatz auf die Vermeidung gesundheitlicher Schäden bei Menschen gerichtet, die nicht in der Lage oder nicht willens sind, den Drogenkonsum ganz aufzugeben. Ziel ist eine Verbesserung des körperlichen und psychischen Zustands sowie der sozialen Situation. In neuerer Zeit wird das Konzept auch auf substanzunabhängige Süchte angewendet. Zunehmend wird erkannt, dass Schadensminderung sich nicht auf die Probleme der einzelnen Konsumierenden beschränken kann, sondern auch politische Lösungen zum Wohl der Gesellschaft erfordert.

Kontakt

Mirjam Weber, Projektleiterin Nationale Strategie Sucht,

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