23.10.2018 Sprechen Sie medizinisch?

Forum. «Sprechen Sie medizinisch?», so sollte die zentrale Frage zwischen einer Patientin und ihrer Ärztin bei der ersten Begegnung in etwa lauten.

Bildstrecke Sprechen Sie medizinisch?

TODO CHRISTIAN

Die Absicherung einer gemeinsamen Sprache ist im Alltag bei jeder Begegnung selbstverständlich. Nicht so in der Arztpraxis oder im Spital. In stillschweigender Übereinkunft haben wir uns als Gesellschaft und Individuum geeinigt: Eine Patientin und ihre Ärztin verstehen sich. Das ist umso erstaunlicher, als es doch keinerlei Anhaltspunkte für diese Übereinkunft gibt. Im Gegenteil: Die Patientin ist Laie, hat meist einen medizinfremden Beruf, befindet sich vielleicht in einer Ausnahmesituation und muss unvorbereitet Entscheidungen in einem ihr fremden, aber sehr wichtigen Bereich treffen.

Die Ärztin ist in ihrem Berufsalltag, verfügt über das Fachwissen, eine Fachsprache und hat nebst der Wissensasymmetrie die Vernetzung mit Fachleuten, die sie konsiliarisch oder beratend zuziehen kann. Als Ärztin wird sie innert kurzer Zeit mit vielem konfrontiert: Einer Patientin mit einer lebensbedrohlichen Krankheit, der sie mitteilen muss, dass die Krebserkrankung Ableger gebildet hat, und einem Patienten, der unter Hypochondrie leidet. Beiden muss sie gleichermassen mit Empathie und Professionalität begegnen und die jeweils verständliche Sprache finden und gut zuhören, um Missverständnisse möglichst zuvermeiden. Über die Kommunikation muss es gelingen, die Patientin oder den Patienten aktiv in die Behandlung miteinzubeziehen, mit ihren jeweiligen Ressourcen, ihrem Umfeld und ihren Möglichkeiten. Erst dann sind die Erfolgsaussichten auf Besserung oder Heilung am grössten. Erst durch eine gemeinsame Sprache entsteht dieses unabdingbare Vertrauensverhältnis.

Dem Leiden Worte geben

Die gemeinsame Sprache ist auch im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention wichtig. Ob ein gesunder Mensch sein gesundheitsgefährdendes Verhalten ändern will oder ob ein kranker Mensch behandelt werden muss: Jede Gruppe, jedes Individuum braucht eine gemeinsame Sprache mit der Fachperson. Die Fachperson muss die Sprache finden, die ihr Gegenüber versteht. Ihr Gegenüber muss sich wiederum ausdrücken und verständlich machen können. Bereits zur Gründungszeit der  Patientenstelle im Jahr 1979 klagten die Patientinnen und Patienten, sie hätten keine Sprache für sich. Sie könnten sich nicht ausdrücken, ihrem Leiden keine Worte geben. Die Kommunikation zwischen der Patientin, dem Patienten und der Fachperson ist denn auch seit Jahren die grösste Herausforderung in der Gesundheitsversorgung.

Irrtümlicherweise gehen die Fachpersonen von einer gemeinsamen Sprache mit der Patientin oder dem Patienten aus. Erwiesenermassen ist es aber die Kommunikation, die zwischen den Patientinnen und den Fachpersonen seit Jahrzehnten zu Missverständnissen bis zu offenen Fehlern führen kann. Die oft fehlende gemeinsame Sprache ist auch den Fachpersonen längst bekannt. Lösungsvorschläge dafür liegen auf dem Tisch und werden vielerorts von den unterschiedlichsten Fachpersonen und «Laien» umgesetzt. Auch immer mehr Patientinnen und Patienten sind zudem in der Lage, eine verständliche Sprache einzufordern.

Wir vom Dachverband der Schweizerischen Patientenstellen setzen uns auf allen Ebenen für die individuelle Gesundheits- und Risikokompetenz ein. Eine verständliche, gemeinsame Sprache zu finden, muss uns alle gleichermassen beschäftigen.

Kontakt

Erika Ziltener, Präsidentin des Dachverbands Schweizerischer Patientenstellen

Nach oben