21.02.2019 Suizidprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe​​

Forum. Den Zugang zu Suizidmöglichkeiten zu erschweren, kann viele Menschenleben retten und ist eine sehr erfolgreiche suizid­präventive Massnahme. Dies, weil die meisten Menschen keine andere Suizidart wählen, wenn die eine Vorgehensweise erschwert wird. Ein eindrückliches Beispiel ist die Reduzierung des Zugangs zu Schusswaffen. Andere Beispiele sind Geländer oder hohe Netze bei Brücken. Die Beispiele zeigen aber auch: Die Umsetzung solcher Interventionen liegt oft ausserhalb der Gesundheitspolitik.

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Unsere Forschungsgruppe konnte den positiven Effekt der Armeereform XXI auf die Schusswaffensuizide in der Schweiz nachweisen. Durch die Armeereform im Jahre 2003 wurde die Armeestärke halbiert und die Schwelle erhöht, die Armeewaffe nach der Militärzeit zu behalten. Damit sank die Anzahl Armeewaffen bei Männern zwischen 19 und 43 Jahren (Zeit der Rekrutenschule und der Wiederholungskurse) deutlich. Und in der Folge sank auch die Anzahl Suizide mit einer Armeewaffe.

Unsere Forschung zeigt, dass die Abnahme der Schusswaffensuizide ausschliesslich auf die Abnahme der Suizide mit der (ehemaligen) Armeewaffe zurückzuführen ist. Die jungen Männer wählten nur zu einem kleinen Teil (22 Prozent) andere Suizidmethoden. Die Zahl der Schusswaffensuizide mit anderen Waffentypen veränderte sich nicht signifikant. Obwohl nie als solche geplant, war die Armeereform die erfolgreichste Suizidpräventionsmassnahme der Schweiz seit der Entgiftung das Haushaltsgases Ende der 1960er-Jahre.

Die meisten Suizidenten wollen nicht sterben. Ihr Leidensdruck ist aber so gross – und ihr Denken und Fühlen entsprechend eingeschränkt –, dass sie keinen anderen Ausweg sehen. Verhinderte Suizide führen in den meisten Fällen nicht zu einem späteren Suizid. In einer grossen US-Studie wurden 515 Menschen untersucht, die davon abgehalten worden waren, von einer Brücke zu springen. In den 26 Folgejahren waren nur 5 Prozent dieser Menschen an Suizid verstorben. Die meisten finden also wieder ins Leben zurück, wenn man ihren Suizid verhindert – zum Beispiel indem der Zugang zum Suizid erschwert wird.

Schusswaffensuizide sind in der Schweiz die zweithäufigste Suizidmethode. In kaum einem anderen europäischen Land ist es so einfach, sich eine Schusswaffe zu beschaffen, und in keinem europäischen Land gibt es in den privaten Haushalten so viele Schusswaffen. Die Schusswaffensuizidrate ist in der Schweiz etwa drei Mal so hoch wie der Durchschnitt aller anderen europäischen Länder. Der Suizid mit Schusswaffe wird besonders häufig ohne grosse Planung durchgeführt. Es ist deshalb wichtig, die Hürde zu erhöhen, an eine Waffe heranzukommen.

Kontakt

Prof. Dr. med. Thomas Reisch, Ärztlicher Direktor, Psychiatriezentrum Münsingen (PZM),

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