01.12.2014 Suizidprävention – eine ewig junge Forderung

Forum Barbara Weil. 2012 nahmen sich in der Schweiz 285 Frauen und 752 Männer das Leben. Sie hinterliessen je fünf bis zehn Angehörige und Nahestehende in grosser Trauer ob der unbegreiflichen Tat.

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Warum nehmen sich Menschen das Leben? Und wie kann man Suizide verhindern? Der erste WHO-Bericht zur Suizidprävention zeigt deutlich: In den letzten 25 Jahren sind grosse Fortschritte in der Forschung zu Suizid, Suizidalität und zur Effizienz von Suizidprävention erzielt worden. Zum Beispiel:
– Die Multikausalität, also das Zusammenspiel von genetischen, biologischen, neurokognitiven, psychologischen, sozialen, ökologischen und kulturellen Faktoren in suizidalem Verhalten, ist heute breit anerkannt.
– Das Wissen über die psychologischen Faktoren und kognitiven Mechanismen bei suizidalem Verhalten, über die schützende Rolle der sozialen Unterstützung und über Bewältigungsstrategien hat stark zugenommen.
– In den vergangenen Jahrzehnten haben mindestens 28 Länder nationale Suizidpräventionsstrategien entwickelt. Die Evaluationen zeigten positive Effekte sowohl auf die Suizidrate als auch auf suizidale Gedankengänge.  
– Der von der International Association for Suicide Prevention (IASP) initiierte Welt-Suizidpräventionstag am 10. September findet heute internationale Beachtung – auch in der Schweiz.
– Suizid ist kein Tabu mehr, das Thema wird auf gesellschaftlicher Ebene diskutiert. Der Bund hat es allerdings noch nicht als Problem der öffentlichen Gesundheit anerkannt.  
– Suizidprävention ist heute ein weitverbreitetes Studien- und Weiterbildungsfach für Diplom- und Aufbaustudiengänge oder Trainingspaket für Seel­­sorger, Polizisten, Lehrpersonen etc.
Der Bericht zeigt auch, dass für eine wirkungsvolle Suizidprävention intersektorielle Ziele auf nationaler Ebene formuliert werden müssen. Zum Beispiel:
– Änderung der gesellschaftlichen Einstellung gegenüber Suizid, suizidalem Verhalten und Reduzieren der Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Störungen
– Fördern von Monitoring und Forschung
– Identifizieren vulnerabler Gruppen
– Fördern von Schutzfaktoren
– Fördern und Implementieren von Aus- und Weiterbildungen
– Verbessern der Früherkennung und Behandlung
– Erschweren des Zugangs zu Suizid­mitteln (Medikamente, Waffen, Hotspots, etc.)
– Verbessern der Medienberichter­stattung
– Unterstützung der Hinterbliebenen

Eine nationale Strategie ist ein guter, aber nicht der einzige Weg zu einer effizienten und effektiven Suizidprävention. Für die Schweiz wäre die Integration der Suizidprävention in andere Gesundheitsförderungs- und Präventionsprogramme (HIV/STI, Sucht, NCD etc.) sowie in relevante Sektoren wie Bildung, Armutsbekämpfung, Palliativpflege, Demenzstrategie eine gute Lösung. Massnahmen bestehender Programme sollten je nach Bedarf leicht angepasst werden mit dem Fernziel eines Systemwechsels. Dieses schrittweise Vorgehen ist wohl sogar erfolgversprechender als ein einziger grosser Wurf.
Nicht ausser Acht gelassen werden darf jedoch die Frage der Finanzierung. Das Milizsystem ist auf allen Ebenen längst an seine Grenzen gestossen, seine Kontinuität ist nicht mehr gewährleistet. Das bedeutet über kurz oder lang einen Wissens- und Kompetenzverlust. Nationale Dachorganisationen wie IPSILON und dessen Mitglieder können hier einen grossen Beitrag leisten, denn sie verfügen über ein international anerkanntes Expertenwissen und langjährige Erfahrung in Suizidalität und Suizidprävention.

Barbara Weil
Dachverband IPSILON – Suizidprävention Schweiz

Leiterin der Fachgruppe Mental Health von Public Health Schweiz

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