08.01.2018 Zahlen, Fakten, Hintergründe

Gesundheitliche Chancen(un)gleichheit. Das Prinzip der Chancengleichheit ist in der schweizerischen Bundesverfassung verankert. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass die Chancen auf ein gesundes Leben sogar innerhalb der gleichen Stadt ungleich verteilt sein können.

Abb. 1: Lebenserwartung und Wohnort

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Abb. 1: Lebenserwartung und Wohnort

Abb. 2: Tabakkonsum und Einkommen

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Abb. 2: Tabakkonsum und Einkommen

Daten, die das Gesundheitsverhalten sowie den Gesundheitszustand mit soziodemografi schen Faktoren wie Einkommen, Bildung und/oder Unterschieden nach Herkunft in Beziehung setzen, liefern wichtige Informationen zum Grad der gesundheitlichen Chancengleichheit. Einfache Aussagen wie diejenige, dass ein tiefer Bildungsstand mit risikoreichem Gesundheitsverhalten einhergeht, werden der Realität allerdings nicht gerecht.

Die Daten zeigen ein komplexeres Bild. So ist zu beobachten, dass ein risikoreicher Alkoholkonsum häufiger bei gut ausgebildeten Bevölkerungsteilen zu beobachten ist (Obsandossier 51). Sie setzen sich damit einem erhöhten Risiko aus, an Speiseröhren- und Kehlkopfkrebs zu erkranken. Hingegen ist das tägliche Rauchen bei Menschen ohne nachobligatorische Schulbildung ausgeprägter. Dieser Beitrag setzt sich mit der gesundheitlichen Chancengleichheit anhand dreier Aspekte exemplarisch auseinander: der Lebenserwartung, des Tabakkonsums und des Verzichts auf medizinische Leistungen.

Bildungsabschluss und Lebenserwartung

Die Schweizer Bevölkerung hat weltweit eine der höchsten Lebenserwartungen. Jedoch sind die Chancen auf ein langes Leben in guter Gesundheit ungleich verteilt. Personen mit einem obligatorischen Schulabschluss sind 10 Prozent häufiger von einer nicht übertragbaren Krankheit, kurz NCD, wie Krebs, Diabetes, Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen als Personen mit hohem Bildungsabschluss. Entsprechend grösser ist auch ihr Risiko, frühzeitig an einer dieser Krankheiten zu sterben. Besonders eindrücklich zeigt sich dies, wenn man die Lebenserwartung der Quartiere einer Stadt untersucht. Je tiefer der sozioökonomische Status (SES) in einer Gemeinde bzw. in einem Quartier, desto tiefer die Lebenserwartung. In Bern und Lausanne beispielsweise sterben Männer in Quartieren mit einem tiefen SES durchschnittlich 4,5 Jahre früher und Frauen 2,5 Jahre früher als in Quartieren mit einem hohen SES (s. Abb. 1). 

Einkommen und Tabakkonsum

Zwischen 1997 und 2012 ist der Tabakkonsum in der Schweiz von knapp 34 Prozent auf 28 Prozent zurückgegangen. Auch hier lassen sich schichtspezifi sche Unterschiede ausmachen. Der stärkste Rückgang fand bei der Bevölkerungsgruppe mit besonders hohem Einkommen statt (minus 8,1 Prozent). Bei der einkommensschwächsten Bevölkerungsgruppe lässt sich dagegen nur eine Abnahme von 4,4 Prozent beobachten (s. Abb. 2). Daten aus dem Jahr 2016 zeigen, dass 20 Prozent der Personen ohne nachobligatorische Schulbildung täglich rauchen, hingegen nur 11 Prozent der Personen mit hohem Bildungsabschluss (Suchtmonitoring Schweiz).

Verzicht auf medizinische Leistungen

Die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) gewährt allen Versicherten in der Schweiz den Zugang zu medizinischen Leistungen. Dennoch bestehen gewisse Zugangshürden. Doch wer verzichtet auf Leistungen?

Im Jahr 2014 verzichteten Personen mit Migrationshintergrund aus fi nanziellen Gründen drei bis vier Mal häufi ger auf medizinische oder zahnmedizinische Behandlungen als Personen ohne Migrationshintergrund. Wie das BFS im «Statistischen Bericht zur Integration der Bevölkerung mit Migrationshintergrund » (2017) schreibt, sind die Unterschiede in der männlichen Bevölkerung am grössten. Männer mit Migrationshintergrund verzichten mehr als sechs Mal häufiger auf medizinische Leistungen als Männer ohne Migrationshintergrund. Bei zahnmedizinischen Leistungen ist der Verzicht drei Mal so hoch.

Einfache Aussagen wie diejenige, dass ein tiefer Bildungsstand mit risikoreichem Gesundheitsverhalten einhergeht, werden der Realität nicht gerecht.

Menschen verzichten aber nicht nur aus finanziellen Gründen auf medizinische Leistungen. Vulnerable Personen sind für Einrichtungen wie Praxen oder Spitäler schwerer erreichbar: Weil der Hausarzt in der Regel keine Dolmetscherin zur Verfügung hat, weil die Patientin die Fachsprache nicht versteht oder sie sich mündliche Erläuterungen nicht merken kann (Literaturanalyse Socialdesign). Der Zugang zu medizinischen Leistungen ist somit auch ein wichtiger Indikator für die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund.

Die Forschungsergebnisse zu Lebenserwartung, Tabakkonsum und Verzicht auf medizinische Leistungen zeigen, dass es in der Schweiz gesundheitliche Chancenungleichheit gibt. Um noch gezieltere Massnahmen zur Förderung der Chancengleichheit bei benachteiligten Gruppen umzusetzen, bedarf es einer Erweiterung der aktuell vorhandenen Datenlage zur gesundheitlichen Chancengleichheit in der Schweiz.

Literatur:
_Stefan Boes et al. (2016): Sozioökonomische und kulturelle Ungleichheiten im Gesundheitsverhalten der Schweizer Bevölkerung, Obsandossier 51, nur digital erhältlich.
_Bundesamt für Statistik (BFS) (2017): «Statistischer Bericht zur Integration der Bevölkerung mit Migrationshintergrund ». Gmel G., Kuendig H., Notari L., Gmel C. (2017).
_Schweizer Suchtmonitoring: Alkohol-, Tabak- und illegaler Drogenkonsum in der Schweiz 2016. Sucht Schweiz, Lausanne.
Socialdesign (2014): Literaturanalyse «Gesundheitliche Ungleichheit: Ursachen, Problemfelder und mögliche Massnahmen ausserhalb des Migrationskontexts ». Schlussbericht im Auftrag des BAG (auf Deutsch).

19. Nationale Gesundheitsförderungs-Konferenz / 4. NCD-Stakeholderkonferenz

Am 18. Januar 2018 findet die 19. Nationale Gesundheitsförderungs-Konferenz zum Thema «Gesundheit für alle – neue Erkenntnisse zur Chancengerechtigkeit» in Bern statt. In diesem Rahmen treffen sich auch die NCD-Stakeholder. Das Bundesamt für Gesundheit nimmt das Konferenzthema zum Anlass, eine Broschüre mit Daten und Fakten zur gesundheitlichen Chancengleichheit in der Schweiz herauszugeben. Diese Broschüre ist an der Konferenz erhältlich oder kann im Onlineshop der Bundespublikationen bezogen werden (Art.-Nr. 316.600, in Deutsch, Französisch und Italienisch unter www.bundespublikationen.admin.ch). www.konferenz.gesundheitsfoerderung.ch

Kontakt

Wally Achtermann, Sektion Wissenschaftliche Grundlagen, wally.achtermann@bag.admin.ch

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