21.02.2019 «Wir halten das Instrument bereits in Händen»

Umfassende Gesundheitspolitik. In einer Zeit steigender Gesundheitskosten und einer zunehmenden Zahl von Menschen mit chronischen Erkrankungen versucht die Schweiz, mittels einer umfassenden Gesundheitspolitik (UGP) Gegensteuer zu geben. Eine der weltweit renommiertesten Expertinnen auf diesem Gebiet ist Ilona Kickbusch. Sie erklärt unter anderem, was die Schweiz noch besser machen könnte.

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«Wir müssen unsere Gesellschaft so organisieren, dass der wachsende Anteil von Seniorinnen und Senioren aktiv am Leben teilnehmen kann», so Ilona Kickbusch.

Politikwissenschaftlerin Prof. Ilona Kickbusch

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Frau Kickbusch, was verstehen Sie unter einer umfassenden Gesundheitspolitik?

Es geht gar nicht immer um die grossen politischen Strategien. In der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung steht: Gesundheit entsteht im Alltag. Nicht nur die grossen Sachen sind wichtig, sondern auch die kleinen Verbesserungen im Alltag. Das kann eine Stunde mehr Schulsport pro Woche sein oder das Verkaufsverbot von Cola an Schulen. Wenn jede Schweizerin oder jeder Schweizer täglich eine halbe Stunde zu Fuss gehen würde, hätte dies eine enorme Gesamtwirkung. Ganz nach dem Motto «A small change in a large population» (Eine kleine Änderung in einer grossen Bevölkerung). 

Und was bringt das auf der nationalen Ebene?

Die UGP ist in erster Linie für die Menschen da, denn jede und jeder hat ein Recht auf Gesundheit. Erst in zweiter Linie geht es um Geld. Dabei spart man nicht nur Kosten im Gesundheitswesen ein, sondern man tut der ganzen Gesellschaft einen Gefallen, weil als Folge einer wirksamen UGP zum Beispiel weniger Sozialkosten anfallen. In letzter Konsequenz erspart eine gesunde Bevölkerung dem Staat – und damit uns allen – viele Ausgaben.

Wie gesund ist die Schweiz?

Sie hat eine der gesündesten Bevölkerungen der Welt. Trotzdem nehmen die durch chronische Krankheiten verursachten Kosten stetig zu. Das hat natürlich auch mit der Demografie zu tun, denn die Schweiz weist eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt auf. Heute bleiben die meisten Leute länger gesund als früher, chronische Erkrankungen stellen sich einfach später ein. Wir können nicht davon ausgehen, dass alle Menschen bis ins hohe Alter keine gesundheitliche Versorgung benötigen. Mir geht es zum Glück bisher so, doch man weiss nie, was die Zukunft bringt.

Was, wenn die gesund­heitliche Versorgung doch notwendig wird?

Wir müssen unseren Umgang mit dem Alter überdenken. Wir sprechen viel von der Integration von Migrantinnen und Migranten – und bauen gleichzeitig eine Parallelgesellschaft von alten Menschen auf. Es gibt Altersheime, Seniorennachmittage, Seniorentänze und vieles mehr. Meine Mutter sagte immer «Da will ich nicht hin, da sind lauter alte Leute», obwohl sie selber alt war. Ihre Aussage bringt es auf den Punkt: Wir müssen unsere Gesellschaft so organisieren, dass der wachsende Anteil von Seniorinnen und Senioren aktiv am Leben teilnehmen kann. Dazu gehören auch neue Wohnformen für Betagte. Je mehr alte Menschen in die Gesellschaft eingebettet sind, desto weniger werden sie in den Wartezimmern der Ärzte sitzen.

Welchen Stellenwert hat die UGP in der Schweiz?

Es wird zwar häufig davon gesprochen, doch es gibt auf nationaler Ebene keinen politischen Ansatz dafür. Dabei ist die multisektorielle Gesundheitspolitik gerade auf regionaler und lokaler Ebene ganz besonders wichtig. Meiner Meinung nach wäre es ein guter Forschungsansatz, wie genau die UGP auf kantonaler Ebene ansetzt. Den Handlungsträgern ist nicht immer bewusst, dass sie auch etwas für die Gesundheit der Menschen tun, wenn sie beispielsweise eine Umfahrung bauen. Den Anwohnerinnen und Anwohnern hingegen ist das in der Regel schnell klar, weil sie fast sofort profitieren. Ein anderes Beispiel: Klimaziele sind Umweltziele und damit auch für die Gesundheit relevant. 

Auf welchen Gebieten ist die UGP bislang am erfolgreichsten?

In einzelnen Bereichen hat sich eine sehr gute Zusammenarbeit entwickelt. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Nationale Strategie Antibiotikaresistenzen, bei der Experten aus Humanmedizin, Tiermedizin, Landwirtschaft und Umwelt kooperieren. Ähnliches gilt für die Schweizer Gesundheitsaussenpolitik. Hier war die Schweiz das erste Land, das solch eine Politik vorgelegt hat.

Wo gibt es noch besonders viel zu tun?

Den Bereich der psychischen Erkrankungen und ihrer Folgen für die Betroffenen, ihr Umfeld und die Gesellschaft beginnen wir erst langsam besser zu verstehen. Zum Beispiel, wie sich die Organisation der Arbeit bei gleichzeitigen Familienverpflichtungen auswirkt, welche Auswirkungen die allseitige Verfügbarkeit mit sich bringt sowie der generelle Leistungsdruck unserer schnellen Gesellschaft. Erst kürzlich haben WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus und Popstar Lady Gaga, die selbst .an Depressionen leidet, ein gemeinsames Statement veröffentlicht, in dem sie zum Kampf gegen die Stigmatisierung dieser Leiden aufrufen. So etwas ist natürlich grossartig, denn die Stigmatisierung bestimmter Krankheiten ist ein grosses Problem. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, in denen sogar Krebs stigmatisiert wurde und man nicht darüber sprach. 

Welches sind weitere Probleme?

Ein grosses Thema ist der Arbeitsdruck. Die Frage lautet: Wie müssen wir die Arbeit organisieren, damit weniger Menschen an Depressionen oder Burn-out erkranken oder einen Herzinfarkt erleiden? Es stellt sich die Frage, wie die Gesellschaft aufzubauen ist, damit sich der Druck besser über das ganze Leben eines Menschen verteilt und erträglicher wird. Doch Druck entsteht nicht nur in der Arbeitswelt oder der Schule, sondern auch in den sozialen Medien. Gerade Kinder und Jugendliche sind hiervon betroffen. Natürlich gab es auch in meiner Jugend schon Mobbing, doch damals blieben diese Dinge auf dem Schulhof. Durch die sozialen Medien kann sowas heute ganz andere Dimensionen annehmen. Die Politikfelder der UGP verschieben sich: Ging es früher vor allem um Arbeit, Einkommen oder Wohnraum, müssen wir uns heute zum Beispiel der Frage stellen, wie wir das Internet besser überwachen können, denn dort sind Mobbing, Drohungen oder Erpressung grosse Probleme, die bei den Opfern Depressionen und Angststörungen auslösen können. Auch beginnen die durch die internationale Vernetzung bedingte Schnelllebigkeit sowie die 24/7-Gesellschaft unser Leben zunehmend zu steuern. 

Das Internet und die sozialen Medien sind demnach auch ein Feld der UGP?

Auf jeden Fall. Wobei es natürlich auch viele schöne Seiten der heutigen technischen Möglichkeiten gibt. So lebt etwa mein Sohn in Berlin, ich dagegen wohne in Bern und bin viel in aller Welt unterwegs. Es ist wunderbar, einander per WhatsApp Fotos zu schicken und den anderen auf diese Weise an seinem Leben teilhaben zu lassen: Ich bin da, ich mache das, ich habe diese Menschen getroffen.

Wie stark ist die UGP international verankert?

International ist das Bewusstsein sehr gross, dass man multisektoriell arbeiten muss. Es kann sich eigentlich kein Land leisten, keine UGP zu betreiben. Je ärmer ein Land ist, desto weniger kann es darauf verzichten. In ärmeren Staaten geht es hauptsächlich um gute Schulen und die Basisgesundheitsversorgung. Daneben ist wirtschaftliches Wachstum wichtig, damit Arbeitsplätze geschaffen werden. Dabei sollen die Staaten auch das Gesundheitssystem selbst als Arbeitgeber sehen. Dort wird vor allem Pflegepersonal gebraucht, meist Frauen. Man weiss, dass diese Frauen das verdiente Geld in der Regel verantwortungsvoller ausgeben als Männer. Frauen kaufen eher Essen, Kleider, Medikamente oder bezahlen das Schulgeld für ihre Kinder. Alles Dinge, die einen günstigen Einfluss auf die Gesundheit der Familie haben.

Wie wichtig ist die internationale Zusammenarbeit?

Sehr wichtig. Die UGP kann unmöglich isoliert betrachtet werden. Wir können voneinander lernen, das ist eine grosse Chance. Darüber hinaus agiert auch die Pharmaindustrie global, es würde also keinen Sinn ergeben, die UGP isoliert, beziehungsweise auf ein Land bezogen, zu betreiben. Man muss vernetzt denken, weil wir eine globalisierte Welt sind. Die Schweiz als extrem internationales Land trägt hierbei eine grosse Verantwortung.

Welche Staaten sind auf diesem Gebiet führend und weshalb?

Ganz klar Finnland. Das liegt an der dortigen Politikkultur, wo man bereits in den 1970er-Jahren überlegte, wie man das Umfeld verändern muss, damit die Menschen gesünder bleiben. Auch wurde schon früh der Zusammenhang zwischen Gesundheitspolitik und Bildungs­poli­tik erkannt. Und schlies­slich hat man sich auch gefragt, wie sich das Erreichte halten lässt. Im Sommer übernimmt Finnland die EU-Präsidentschaft. Die Verantwortlichen haben bereits angekündigt, dass sie die Präsidentschaft unter das Motto «The well-being economy» (Die Wohlbefindens-Wirtschaft) stellen möchten statt unter den Leitsatz «The welfare economy» (Die Wohlfahrts-Wirtschaft). Ich bin sehr auf diese Präsidentschaft gespannt.

Wo steht die Schweiz im Vergleich zu Finnland?

Sie kann noch einiges tun, um so gut wie Finnland zu werden. Dabei hat kein Land so gute Voraussetzungen wie die Schweiz: Schliesslich ist der Bundesrat nichts anderes als ein multisektorielles Gremium. Man könnte daher sagen, dass die Schweiz schon lange über die Methode verfügt, sie aber nicht genügend für eine moderne Gesundheitspolitik nutzt. Die Player in Politik und Gesellschaft sind sich vielleicht zu wenig bewusst, dass sie das Instrument bereits in Händen halten.

Wie liesse sich denn die UGP in der Schweiz verbessern?

Es gilt, die bestehenden Strukturen besser zu nutzen. Mir schweben da etwa gemeinsame Sitzungen unterschiedlicher Konferenzen vor, beispielsweise der Erziehungsdirektorenkonferenz und der Gesundheitsdirektorenkonferenz. Als stark dezentrales Land kann die Schweiz noch mehr auf kommunaler und kantonaler Ebene umsetzen – dort, wo die Menschen leben.

Woran scheitert man in der täglichen Praxis?

Am Solodenken. Es ist schwierig, Menschen zur Zusammenarbeit zu bewegen.

Unsere Gesprächspartnerin

Die Politikwissenschaftlerin Prof. Ilona Kickbusch wuchs in München und Chennai (Indien) auf, wo ihr Vater als Diplomat tätig war. Von 1981 bis 1998 arbeitete sie für die Weltgesundheitsorganisa­tion (WHO) und war dort unter anderem für die Ottawa-­Charta für Gesundheitsförderung verantwortlich. Danach lehrte sie bis 2004 als Professorin an der Yale University. Im selben Jahr gründete sie eine eigene Beratungsfirma und fungiert seither als unabhängige Beraterin von Organisationen, Regierungen und der WHO. Sie hatte Gastprofessuren an den Universitäten von Tokio, St. Gallen und Wien inne, ist Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Beiräte und bekleidet zudem seit 2008 das Amt der Direktorin des Global Health Centre am Graduate Institute of Interna­tional and Development Studies in Genf. 2016 erhielt Ilona Kickbusch für ihre Arbeit das Bundes­­­verdienstkreuz. Sie lebt mit ihrem Mann in Bern.

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