16.02.2015 Ritalin-Missbrauch und Neuroenhancement sind wenig verbreitet

Ritalin/Leistungssteigernde Arznei­mittel. In der Schweiz entspricht der therapeutische Umgang mit methylphenidathaltigen Arzneimitteln wie Ritalin weitgehend den medizinischen Empfehlungen. Auch was den Missbrauch verschreibungspflichtiger Arzneimittel zur geistigen oder körperlichen Leistungssteigerung (Neuroen­hancement) angeht, besteht derzeit wenig Grund zu einer strengeren Regulierung. Dies zeigt ein Bericht, den das Bundesamt für Gesundheit (BAG) im Auftrag des Bundesrats erstellt hat.

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In der Schweiz leiden gemäss den vorliegenden Daten 3 bis 5% der Kinder und Jugendlichen an einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Knaben sind zwei- bis viermal häufiger betroffen. Bei einem Viertel der ADHS-Fälle werden zur Behandlung methylphenidathaltige Arzneimittel verschrieben. Das entspricht den Behandlungsempfehlungen, nach denen eine medikamentöse Behandlung nur bei einem Teil der Patientinnen und Patienten angezeigt ist. In den von Swissmedic genehmigten Fachinformationen für methylphenidathaltige Arzneimittel, welche 2012 in Einklang mit den Empfehlungen der EU überarbeitet wurden, wurde unter anderem festgehalten, dass diese Arzneimittel als Teil eines umfassenden Therapieprogramms, welches psychologische, pädagogische und soziale Massnahmen beinhalten kann, eingesetzt werden sollen. Zusammen mit den gesetzlichen Bestimmungen des Heilmittelgesetzes sowie des Betäubungsmittelgesetzes geben sie den Rahmen für die Behandlung vor. Mit Instrumenten der Marktüberwachung stellt Swissmedic zudem die Qualität, die Sicherheit und Wirksamkeit der zugelassenen methylphenidathaltigen Arzneimittel sicher. Das bekannteste methylphenidathaltige Arzneimittel ist Ritalin, weitere sind Concerta, Equasym oder Medikinet.

Mehr Verschreibungen an Erwachsene
Die Anzahl Verschreibungen von methylphenidathaltigen Arzneimitteln hat insgesamt zugenommen. Diese Zunahme ist mit einer wachsenden Bekanntheit und Akzeptanz der Verschreibung von methylphenidathaltigen Arzneimitteln für die Behandlung sowie mit einer Zunahme der Verschreibungen an Erwachsene erklärbar. Lange galt ADHS als eine Erkrankung, die ausschliesslich Kinder und Jugendliche betrifft. Seit einigen Jahren wird diese Diagnose aber auch bei Erwachsenen gestellt. 2008 wurden 0.1% der Erwachsenen über 20 Jahren mit methylphenidathaltigen Arzneimitteln behandelt. Fachleute gehen von einer Prävalenz von ADHS bei Erwachsenen von 1 bis 4% aus. Die Anzahl Verschreibungen an Kinder und Jugendliche wird sich voraussichtlich auf dem aktuellen Niveau stabilisieren, die Anzahl Verschreibungen an Erwachsene wird sich leicht erhöhen. Insgesamt gehen Experten aber von einer adäquaten Verschreibungspraxis von Methylphenidat aus.

Neuroenhancement wenig verbreitet
Wenn Arzneimittel wie Ritalin, die auf das zentrale Nervensystem einwirken, nicht in einem therapeutischen Rahmen und ohne medizinische Indikation verwendet werden, spricht man von «Neuroenhancement», auch Hirndoping genannt. Durch Neuroenhancement ver­sprechen sich die Konsumenten eine kognitive Leistungssteigerung, eine Optimierung des Gefühlslebens oder eine Verminderung der Erholungszeit des Gehirns. Diese Art von Medikamentenmissbrauch ist gemäss Studien von 20131 auf einen kleinen Teil der Schweizer Bevölkerung beschränkt; etwa 4% der Erwerbstätigen oder sich in Ausbildung befindlichen Personen in der Schweiz haben bereits einmal ohne medizinische Indikation verschreibungspflichtige Arzneimittel oder Drogen zur Stimmungsaufhellung oder zur kognitiven Leistungssteigerung eingenommen. Von diesen 4% benutzten gut ein Viertel Beruhigungs- und Schlafmittel, ein Fünftel Antidepressiva zur Stimmungsaufhellung und 14% ein Arzneimittel mit dem Wirkstoff Methylphenidat. Knapp 40% benutzten andere ver­schreibungspflichtige Arzneimittel oder Drogen. Es sind vor allem junge Erwachsene, die mit Neuroenhancern experimentieren, um beispielsweise in Prüfungssituationen ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. So haben 7.6% der Studierenden in der Schweiz bereits einmal verschreibungspflichtige Arzneimittel zur Leistungssteigerung eingenommen, etwas mehr als die Hälfte davon methylphenidathaltige Arzneimittel wie Ritalin. Die derzeit verfügbaren Daten deuten jedoch nicht auf eine starke Zunahme des problematischen Konsums oder eine wachsende Anzahl Personen mit negativen gesundheitlichen Folgeerscheinungen aufgrund dieses Konsums hin. Auch die Ärzteschaft verhält sich sehr zurückhaltend: Verschreibungspflichtige Arzneimittel zur Leistungssteigerung werden grundsätzlich zurückhaltend verschrieben und nur, wenn ein hoher Leidensdruck bei den Patienten erkennbar ist.

Überschätzte Wirkung von Neuroenhancern
In der wissenschaftlichen Literatur finden sich bislang keine eindeutigen Be­lege dafür, dass sich mit leistungs­steigernden Arzneimitteln tatsächlich kognitive Fähigkeiten verbessern lassen. Möglicherweise lassen sich einzelne Fähigkeiten steigern, die es erlauben, spezifische Aufgaben effektiver und effizienter zu lösen – jedoch teils auf Kosten anderer Fähigkeiten. Ebenso fragwürdig ist die Wirkung von Antidepressiva im Rahmen von Neuroenhancement: Bei gesunden Menschen wirken sie gemäss Studien nicht stimmungsaufhellend. Werden Konsumenten zu leistungssteigernden Arzneimitteln befragt, zeichnen diese dennoch oft ein positives Bild von der Wirksamkeit dieser Substanzen. Diese wird aber aufgrund der euphorisierenden Wirkung mancher Neuroenhancer oder aufgrund des Placebo-Effektes weit überschätzt.

Therapie oder Lifestyle-Optimierung?
Längerfristig ist ein wissenschaftlicher Durchbruch und somit die Entwicklung von tatsächlich wirksamen Neuroenhancern jedoch nicht auszuschliessen. Dies insbesondere deshalb, weil alltägliche Befindlichkeitsstörungen oder psychosozial problematisch erscheinende Verhaltensweisen zunehmend der Krankheitsstatus zugeschrieben wird. So wird Schüchternheit als soziale Phobie oder ausgeprägte Lebhaftigkeit als ADHS taxiert. Die Grenzen zwischen gesund und krank, zwischen Therapie und Lifestyle-Optimierung verschwimmen. Sollte es der Pharmaindustrie gelingen, wirksame, die Leistungsfähigkeit gezielt verbessernde Arzneimittel auf den Markt zu bringen, ist mit steigendem sozialem Druck zu rechnen, diese Möglichkeiten auch zu nutzen, um in Beruf und Ausbildung bestehen zu können. Als Folge einer solchen Entwicklung würden auch die Erwartungen an die «durchschnittliche» Leistungsfähigkeit steigen.

Trends beobachten
Der Bericht des Bundesrates kommt zum Schluss, dass sich derzeit rund um die Verschreibungspraxis von methylphenidathaltigen Arzneimitteln und um den Bereich leistungssteigernder Arzneimittel keine zusätzliche Reglementierung aufdrängt. Der Bundesrat möchte jedoch die Verschreibung und Nutzung dieser Arzneimittel, insbesondere aber auch die gesellschaftlichen Trends im Bereich Neuroenhancement weiter verfolgen. Zudem sollen Prävention, Risikoverminderung und Behandlung eines problematischen Konsums von leistungssteigernden Arzneimitteln in die Entwicklung der Nationalen Strategie Sucht Eingang finden. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

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Kontakt

Sandra Wüthrich, Sektion Drogen, sandra.wuethrich@bag.admin.ch

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