01.05.2011 Cannabis konsumierende Jugendliche: Strafe oder Unterstützung?

Früherkennung und Frühintervention in der Jugendstrafjustiz. Bei 20% aller Fälle der Jugendanwaltschaft geht es um den Konsum oder Besitz von Cannabis (in kleinen Mengen). Sind die betreffenden Jugendlichen in ihrer Entwicklung gefährdet? Wenn ja, wie wird dieser Gefährdung von Seiten der Jugendanwaltschaften und Suchthilfeinstitutionen begegnet? Fallanalysen zur Interven­tionspraxis bei wegen Cannabis-Konsum polizeilich verzeigten Jugendlichen geben Antworten auf diese Fragen.

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TODO CHRISTIAN

Die vom Fachverband Sucht durchgeführten Fallanalysen untersuchen die Interventionspraxis der Jugendstrafjustiz und der Suchthilfe in vier Kantonen bzw. Regionen. Das Hauptaugenmerk galt dabei den Jugendstraf- und Ordnungsbussenverfahren für über 15-Jährige sowie allfälligen Unterschieden zwischen Stadt und Land. Befragt wurden VertreterInnen von Jugendanwaltschaften, Suchtfachstellen und in einem Kanton zusätzlich die Polizei. Die Jugend­anwalt­schaften können in der Früherkennung und Frühintervention eine wichtige Rolle einnehmen. Sie können interne SozialarbeiterInnen oder externe Stellen mit einer Abklärung der Situation des Jugendlichen beauftragen, wenn sie eine Gefährdung vermuten. Aufgrund der Abklärungsergebnisse können sie verbindliche zielgerichtete Strafen und unterstützende Massnahmen erlassen, um eine günstige Entwicklung des Jugendlichen zu fördern.

Die wichtigen Erkenntnisse im Überblick
Die Fallanalysen sind zwar nicht repräsentativ und haben deshalb eine eingeschränkte Aussagekraft. Dennoch lassen sich einige interessante Tendenzen erkennen und gewisse Schlussfolgerungen ableiten.

– Aufgrund der Interviews kann keine verlässliche Aussage darüber gemacht werden, ob Cannabis-verzeigte Jugendliche gefährdeter sind als Durchschnittsjugendliche. Dieses Wissen wäre wichtig, wenn es um die Entwicklung abgestimmter Hilfsmassnahmen geht.
– Bei erstverzeigten Cannabis-Konsumenten wenden Jugendanwaltschaften, bei denen sich die Fälle häufen,  vereinfachte Standardverfahren an, die teilweise nur aus schriftlichem Verkehr bestehen. Bei Zweitverzeigten wird jedoch in der Regel «genauer hingeschaut»: Die Jugendlichen werden zu Gesprächen vorgeladen, die von Jugendanwaltschaften oder von Suchtfachstellen im Auftrag der Jugendstrafjustiz durchgeführt werden. Die Sanktionen nach Jugendstrafgesetz stehen insbesondere bei den Zweitverzeigten im Dienste der Unterstützung. Beim Ordnungsbussenverfahren – einem administrativen Schnellverfahren – gibt es keine namentliche Registrierung und somit auch keine Zweitverzeigten.
– Die Zufriedenheit der Jugendanwaltschaften mit der heutigen Praxis hängt davon ab, ob genügend Ressourcen vorhanden sind, um die betroffenen Jugendlichen zu einem persönlichen Gespräch vorzuladen. Die Zufriedenheit ist gering bei hohem Falldruck respektive bei einem rein schriftlichen Verfahren. Insbesondere Jugendanwaltschaften in städtischen Regionen stellen ihre Zuständigkeit für das strafrechtliche Randthema Cannabis-Konsumierende in Frage. Die Betreuung Cannabis konsumierender Jugendlicher sehen sie als Aufgabe der zivilen Jugendhilfe.
– Die Zufriedenheit mit der Koopera­tionsqualität zwischen Justiz und Suchthilfe ist unterschiedlich: Die Jugendanwaltschaften sind tendenziell zufriedener als die Suchtfachstellen. Letztere sind umso zufriedener, je intensiver der Austausch mit der Jugendanwaltschaft ist und je besser die Zusammenarbeit auf Leitungsebene abgestützt ist.
– Der justiziell verpflichtende Rahmen ist hilfreich, um gefährdete Jugendliche und deren Eltern mit Angeboten zu erreichen. Es gelingt – unter dem Druck der Justiz – häufig, die Jugendlichen für eine Kooperation zu gewinnen. Dabei muss die Rollenteilung zwischen weisungsbefugter Behörde und ausführender Fach­stelle gewahrt und den Jugendlichen transparent gemacht werden.
– Das Ordnungsbussenmodell für unter 18-Jährige ist insofern heikel, als die unterstützende Dimension des Jugendstrafverfahrens verloren geht. Die vorgesehene Selektion der besonders gefährdeten Jugendlichen bei Vorliegen einer Suchtgefährdung durch die Polizei erweist sich aus Sicht von Polizei und Jugendanwaltschaft in der Praxis als nicht umsetzbar.

Tendenziell stützen die vorliegenden Erkenntnisse die fachliche Position, wonach bei Jugendlichen anstelle von Strafverfahren oder einem administrativen Ordnungsbussenverfahren koordinierte Massnahmen im Sinn der Früherkennung und Frühintervention zu bevorzugen sind.

Auswertungsbericht «Interventions­praxis Cannabis konsumierende Jugendliche bei der Jugendstrafjustiz. Eine Fallanalyse anhand von vier ausgewählten Beispielen», 2011, Fachverband Sucht, Charlotte Kläusler-Senn

Weitere Informationen bei Charlotte Kläusler-Senn, klaeusler-senn@fachverbandsucht.ch

Kontakt

Pia Oetiker, Sektion Drogen, pia.oetiker@bag.admin.ch

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