01.05.2011 Früherkennung und Frühintervention

Forum Marcelo Aragón. Ein Blick in die Schullandschaft des Kantons Freiburg macht deutlich: Früherkennung und ein gutes Timing für eine adäquate Intervention tut not. Wo das Projekt «Früherkennung und Frühintervention im Schul- und Ausbildungsbereich» (FF) eingeführt wurde, zeigt es gute Wirkung, jedoch ist die Beteiligung gering und jede Schule schaut überwiegend für sich.

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Das nationale Projekt wurde von den Praktikern sehr begrüsst und die Erwartungen waren hoch. Doch wie bei so manchen neuen Angeboten wurden damit die bereits sensibilisierten, motivierten und von der Notwendigkeit der Prävention überzeugten Schulen und deren Lehrpersonen erreicht. Bei diesen Schulen ging die Rechnung auf. Die Zusammenarbeit mit den Fachstellen ist vorbildlich. Und was machen die anderen Schulen? Auch diese haben den Handlungsbedarf erkannt, und so spriesst ein Präventionsprojekt nach dem anderen aus dem Boden. Es ist entweder selber konzipiert, oder man hat sich bei den verschiedenen Anbietern von Präventionsprogrammen eingedeckt. Föderalistisch «bastelt» jede Schule ihr eigenes Früherkennungsprogramm mit dem Resultat, dass bestehendes Wissen und jahrelang gesammelte und ausgewertete Erfahrung zu wenig genutzt werden. Die Befürchtung, mit dem FF-Projekt genaue jene nicht erreicht zu haben, die es am dringendsten nötig hätten, drängt sich auf.

Im Zuge der verschiedenen Sparmassnahmen in den Kantonen wurde es unterlassen, jahrelang bestehende und in der Präventionslandschaft gut vernetzte Institutionen und deren Angebote zu berücksichtigen, zu konsultieren und in das neue «Präventionsdesign» einzubeziehen. Stattdessen wurden sie zurückgestutzt, Budgetbeschränkungen unterworfen oder mangels Subventionen ganz von der Bildfläche «ausradiert». Und dies nicht etwa aus bösem Willen, sondern mangels Überblick über bereits bestehende Angebote, mangels nachhaltiger Vision und kooperativen Denkens seitens der lokalen Entscheidungsträger.
Hinzu kommt, dass als Folge der schulinternen Interventionen, welche die Schulen im Bestreben, selbst Herr der Lage zu werden, durchführen, die Jugendlichen von internen zu externen Abklärungsstellen weitergereicht werden. Den Jugendlichen fehlt somit eine konstante Bezugsperson. Sie gelangen schliesslich viel zu spät, mit voll entwickelter Krise, an die Fachstellen. Von Frühintervention kann dann nicht mehr die Rede sein. Es wird lediglich das Leiden der Jugendlichen und ihrer Familien verlängert.
Natürlich sind die schulinternen Bestrebungen wünschenswert, und längst nicht alle zeigen sich in jenem schlechten Licht, das ich eben skizziert habe. Wir sollten nur endlich damit aufhören, einander den Rang streitig zu machen, wer die geeigneten Massnahmen zu bieten hat. Sonst laufen wir Gefahr, einem kurzsichtigen, auf schnelle Effekte abzielenden Aktionismus zu verfallen, bei dem die Fachstellen zum Selbstbedienungsladen der Prävention verkommen.

In unserem föderalistischen System genügt es nicht, ein gutes Konzept ein paar wenigen näherzubringen. Auf Einsicht und Freiwilligkeit allein zu bauen, führt nur zum Scheitern. Damit das Konzept der Früherkennung und Frühintervention flächendeckend gelingt, braucht es v.a. eine gemeinsame Haltung, die Bereitschaft zur Kooperation, eine gut funktionierende Kommunikation und eine breit abgestützte Implementierung in den Schulen. Jede politische Ebene müsste Anreize für die nächsttiefere Ebene setzen: der Bund für die Kantone und diese für die Gemeinden. Längerfristig trägt nur ein gemeinsames und koordiniertes Vorgehen Früchte.


Marcelo Aragón, systemischer Familientherapeut, Leiter Choice, Fribourg

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