01.05.2011 Früherkennung und Frühintervention bei Jugendlichen fängt in der Gesellschaft an

Publikationen. Eine neue Broschüre von GREA aus der Westschweiz stellt ein Vorgehensmodell für Früherkennung und Frühintervention bei gefährdeten Jugendlichen vor und gibt Empfehlungen sowie Praxisbeispiele aus verschiedenen Settings.

Bildstrecke Früherkennung und Frühintervention bei Jugendlichen fängt in der Gesellschaft an

TODO CHRISTIAN

Die Jugend ist eine anforderungsreiche Lebensphase, geprägt von der Suche nach der eigenen Individualität, dem Erkennen von Grenzen und dem Nutzen von Möglichkeiten. Die gesellschaftlichen Verhältnisse erschweren es dem Jugendlichen zuweilen zusätzlich, sich zum autonomen, verantwortungsvollen Erwachsenen zu entwickeln. Der Mangel an Lehr- und Arbeitsstellen, ein Überfluss an verschiedensten Versuchungen und der zunehmende Leistungsdruck sind nur einige Hürden auf dem Weg zum Erwachsensein. Die gros­se Mehrheit der Jugendlichen übersteht die Stürme der Adoleszenz ohne negative Konsequenzen. Bei einigen aber hinterlässt sie nachhaltige Spuren. Problematische Situationen können sich so verschärfen, dass sie zu einer gravierenden Leidenssituation für die Betroffenen und deren Angehörige führen. Fachleute sind sich einig, dass solche Entwicklungen möglichst bei den ersten Anzeichen unterbunden werden sollten, um diesen Jugendlichen die Integration in die Gesellschaft und in die Arbeitswelt zu ermöglichen. Das ist das Hauptanliegen der Früherkennung und Frühintervention: Probleme möglichst früh erkennen und wissen, was zu tun ist. Die Broschüre mit dem Titel «Intervention précoce – accompagner les jeunes en situation de vulnérabilité» stellt das Modell der Frühintervention im Detail vor. Die Broschüre wurde von der Groupement romand d’études des addictions (GREA) im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) herausgegeben.

Ein dynamischer Prozess mit vier Phasen
Früherkennung und Frühintervention wird in diesem Modell als ein Prozess mit vier Phasen dargestellt, der sowohl das Kollektiv als auch das Individuum betrifft.

– Phase 1: Schaffung förderlicher Rahmenbedingungen, die die Entwicklung der Jugendlichen unterstützen. Es handelt sich darum, die gemeinsamen und individuellen Ressourcen bei Fachleuten und den Mitgliedern der Gesellschaft zu stärken, um damit eine gesunde Entwicklung zu begünstigen. Im Jugendalter durchlebte und überwundene Probleme erleichtern es, den Platz als Mitglied der Gesellschaft und im Berufsleben zu finden, und sie tragen dazu bei, den Ausschluss und die Marginalisierung eines Individuums oder einer Gruppe zu verhindern.

– Phase 2: Früherkennung einer Gefährdung: Wachsame erwachsene Bezugspersonen (Familie, Schule etc.) nehmen die Gefährdung von Jugendlichen wahr und suchen mit ihnen das Gespräch. Wenn sich eine Gefährdung abzeichnet, empfiehlt es sich oft, diese Verletzlichkeitssitua­tion gemeinsam mit dem Jugend­lichen durch eine externe Instanz analysieren zu lassen.

– Phase 3: Gefährdungsdiagnostik durch eine professionelle Abklärungsstelle. Vorerst muss eine professionelle Struktur zur Verfügung stehen, welche die Situationen umfassend abschätzen kann. Dann werden die vorgängig beobachteten Elemente der Vulnerabilität vertieft betrachtet, um mit dem Jugendlichen mögliche Wege zur Verbesserung zu bestimmen.
– Phase 4: Frühintervention: Diese bedingt Unterstützungsstrukturen, welche die gegebenenfalls angezeigten Interventionen fachlich fundiert durchführen können. Für eine Minderheit der gefährdeten Jugendlichen drängt sich eine psychosoziale Intervention auf.  Diese muss den bei der Analyse der Vulnerabilität zutage getretenen Bedürfnissen gerecht werden und nicht unbedingt nur den offensichtlichen Symptomen.

Die Phasen 1 und 2 betreffen die Gesellschaft als Ganzes sowie Familien, Gemeinden und jene Berufskreise, die mit Jugendlichen in Kontakt kommen. Die Phasen 3 und 4 betreffen die gefährdeten Jugendlichen, ihr Umfeld und die Spezialisten, die eine Intervention einleiten. Frühintervention in diesem Sinne ist ein dynamischer Prozess, der das permanente Lernen fördert. So sollen beispielsweise die Erfahrungen der Früherkennung, der Gefährdungsdiagnostik und der Intervention für die Entwicklung und Umsetzung von Programmen zur Förderung eines günstigen Umfeldes genutzt werden.

Beispielprojekte aus der Romandie
Wie Frühintervention konkret umgesetzt werden kann, zeigt die Broschüre im zweiten Teil. Im Sinne von «good practices» stellt sie verschiedene Projekte aus unterschiedlichen Settings und Themenbereichen vor (Schule, Gemeinden, Sozialarbeit, Jugendtreffs, Drogen etc.) und sie enthält nützliche Kontaktadressen.

Die (im Druck bereits vergriffene) Broschüre «Interven­tion précoce – accompagner les jeunes en situation de vulnérabilité» kann unter folgender Adresse als Pdf heruntergeladen werden.
www.intervention-precoce.ch

Deutschschweizer Broschüre zum Thema

Für die Deutschschweiz besteht bereits seit 2008 eine ähnliche Broschüre:
«Jugendliche richtig anpacken – Früh­erkennung und Frühintervention bei gefährdeten Jugendlichen». Herausgeber: Fachverband Sucht. Bestellung unter http://www.bag.admin.ch/shop/00010/index.html?lang=de.

Kontakt

Pia Oetiker, Sektion Drogen, pia.oetiker@bag.admin.ch

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