01.05.2011 Körperliche Bewegung als fixer Bestandteil des ärztlichen Beratungsgesprächs

Vier Fragen an Raphaël Bize. Ein Kurzinterview mit dem Leiter des Projektes PAPRICA (Physical Activity Promotion in Primary Care), das sich in den Kantonen Waadt und Neuenburg für die Förderung der körperlichen Bewegung in der Arztpraxis einsetzt - zur Vorbeugung von Übergewicht und Fettleibigkeit. Raphaël Bize ist Facharzt für Innere Medizin FMH und absolvierte eine Weiterbildung zum Public-Health-Spezialisten am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Lausanne und an einem auf die Förderung körperlicher Aktivität spezialisierten Labor im kanadischen Alberta.

Bildstrecke Körperliche Bewegung als fixer Bestandteil des ärztlichen Beratungsgesprächs

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Nach welchen Grundsätzen funktioniert das Projekt PAPRICA?

PAPRICA stellt Weiterbildungsangebote und praxisorientierte Werkzeuge zur Verfügung. Diese sollen es Hausärztinnen und Hausärzten erleichtern, ihre Patientinnen und Patienten bezüglich körperlicher Aktivität zu beraten. Ziel ist die Verankerung dieser Bewegungsberatung in die Kenntnisse,  die Berufskultur und den klinischen Alltag der Hausärztinnen und Hausärzte in der Schweiz.

Wie und warum ist dieses Projekt entstanden?

Die Erfahrungen auf nationaler und internationaler Ebene haben gezeigt, dass der frühzeitige Einbezug der praktizierenden Ärztinnen und Ärzte in der Entwicklung eines solchen Projekts seine spätere Aufnahme massiv begünstigt. Folglich haben die Poliklinik des Universitätsspitals Lausanne, das Bundesamt für Sport in Magglingen und das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit dem Kollegium für Hausarztmedizin wiederholt individuelle und Gruppengespräche mit praktizierenden Ärztinnen und Ärzten durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Gespräche und der bei Patientinnen und Patienten durchgeführten Umfragen haben eine erste Version eines Ausbildungshandbuches und eine Broschüre für Patientinnen und Patienten ermöglicht. Nach einer Reihe von Tests in ärztlichen Praxen konnte eine endgültige Version der Dokumente entwickelt werden (www.paprica.ch). Die zweite Projektphase bestand darin, ein vierstündiges Weiterbildungsangebot für die Ärztinnen und Ärzte zu testen.

Wie ist das Interesse der Ärztinnen und Ärzte für eine Weiterbildung zum Thema körperliche Bewegung?

Bis heute haben mehr als 150 Ärztinnen und Ärzte an der PAPRICA-Weiterbildung teilgenommen. Die grosse Mehrheit von ihnen ist davon überzeugt, dass es nützlich ist, gesundheitsförderliches Verhalten bei ihren Patientinnen und Patienten zu unterstützen. Sie zweifeln allerdings an der Wirksamkeit ihrer Bemühungen bei sehr bewegungsarmen Personen. Entsprechend gross sind die Erwartungen gegenüber dem Bildungsangebot, das ihnen ermöglicht, wirksamer zu beraten und sich dadurch in dieser Rolle wohler zu fühlen. Das Schulungsmaterial wurde soeben auf Deutsch übersetzt und nun soll PAPRICA auch in der deutschen Schweiz eingeführt werden.

Welchen Beitrag kann diese Weiterbildung bei der Betreuung von übergewichtigen und adipösen Patientinnen und Patienten leisten?

Diese Weiterbildung ist sehr praxisnah. Neben den theoretischen Aspekten, die kurz und bündig zur Sprache gebracht werden, wird eine Stunde der Vorstellung und Umsetzung von motivierenden Gesprächstechniken (motivational interviewing) gewidmet. Eine weitere Stunde gehört der Praxis von angepassten physischen Aktivitäten, bei welchen die Ärztinnen und Ärzte an sich selber die Körpergefühle erleben können, die mit den verschiedenen Anstrengungsintensitäten zusammenhängen. Dieser Workshop erlaubt es, die Relativität einer körperlichen Anstrengung zu erfassen: einige spüren die Anstrengung bereits, wenn sie mit ihrer natürlichen Geschwindigkeit gehen, während andere für die gleiche Empfindung sehr schnell gehen oder sogar leicht laufen müssen. Diese Bewusstseinsbildung wird besonders von den Ärztinnen und Ärzten geschätzt.  Sie sehen darin ein überzeugendes Argument, um ihre fettleibigen Patientinnen und Patienten zur Verwirklichung leichter Anstrengungen zu ermutigen, deren – wenn auch bescheidener – Erfolg sich auch rasch einstellt.

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