09.07.2020 «Gesundheitsförderung und Prävention bei Kindern und Jugendlichen»

Interview. Wie ordnet die BAG-Sektion Gesundheitsförderung und Prävention die Ergebnisse der internationalen Schülerinnen- und Schülerbefragung HBSC ein? Und wie fördert sie die Kinder- und Jugendgesundheit? Spectra hat bei der Sektionsleiterin Petra Baeriswyl nachgefragt.

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Frau Baeriswyl, der Tabak- und Nikotinkonsum der Jugendlichen in der Schweiz ist seit einigen Jahren rückläufig. Ein Erfolg! Wie hat die Prävention dazu beigetragen?

Heutzutage weiss jedes Kind, dass Rauchen ungesund ist. Zuhause und in der Schule wird über die Schädlichkeit des Tabaks gesprochen. In den Schulen gibt es ausserdem eine grosse Anzahl von Präventionsprojekten wie den Wettbewerb Experiment Nichtrauchen oder das Projekt ready4life.

Wichtig sind aber auch die Rahmenbedingungen: So hat das Bundesgesetz zum Schutz vor Passivrauchen, das inzwischen zehn Jahre alt ist, dazu geführt, dass Rauchen an Attraktivität eingebüsst hat. Auch kantonale Gesetze wie das Abgabeverbot an Jugendliche und Werbeeinschränkungen tragen dazu bei, dass Jugendliche weniger Zigaretten rauchen.

Eine Rolle spielen schliesslich auch die veränderten Freizeitaktivitäten der Jugendlichen; sie verbringen weniger Zeit im Ausgang, dafür mehr Zeit in den sozialen Medien.

Sehen Sie die Gefahr, dass sich der Tabakkonsum bei Jugendlichen wieder ändert, zum Beispiel mit den E-Zigaretten?

Die Tabakindustrie setzt stark auf Produkte mit erhitztem Tabak und auf E-Zigaretten. Diese bewirbt sie über die sozialen Medien als Gadgets und neue Lifestyle-Produkte mit attraktiven Geschmacksrichtungen. Bei den 15-Jährigen haben bereits die Hälfte der Knaben (51 Prozent) und ein Drittel der Mädchen (35 Prozent) mindestens einmal im Leben eine E-Zigarette verwendet. Diese Konsumraten sind höher als bei den herkömmlichen Zigaretten (Knaben 21 Prozent, Mädchen 13 Prozent). Deshalb braucht es auch für diese Produkte baldmöglichst wirksame Gesetze.

Beim Cannabis tanzt die Schweiz aus der Reihe. Wieso greift hier die Prävention nicht? 

Die Schweiz zählt punkto Cannabis seit jeher zu den Hochkonsumländern. Gemeinsam mit den Nachbarländern Deutschland, Frankreich und Italien liegt sie gerade beim Konsum unter Schülerinnen und Schülern in Europa weit vorne. Das ist besorgniserregend, weil die körperliche Entwicklung und insbesondere die Hirnreifung bei Jugendlichen noch nicht abgeschlossen ist. Deshalb haben diese ein erhöhtes Risiko einer Schädigung durch den Konsum von psychoaktiven Substanzen.

Erfreulich ist, dass der Anteil der Jugendlichen, die Cannabis konsumieren, auch in der Schweiz seit einigen Jahren rückläufig ist. Hingegen bleibt der Anteil derjenigen, welche regelmässig konsumieren, relativ konstant. Die Prävention erreicht also gerade diese problematische Gruppe nur ungenügend. Hier bräuchte es möglicherweise neue Ansätze, die die frühzeitige Unterstützung gefährdeter Jugendlicher in den Vordergrund rücken, anstatt diese zu kriminalisieren und damit ihren problematischen Konsum zu tabuisieren. Verschiedene vergleichende Studien kommen denn auch zum Schluss, dass das Verbot per se keinen präventiven Einfluss auf das Konsumverhalten hat.

Das Bundesamt für Gesundheit und die Präventionsakteure in der Schweiz haben in den vergangenen Jahren viel in die Früherkennung und Frühintervention investiert. Ist das der wichtigste Hebel, um den Substanzkonsum zu senken?

Der wirksamste Hebel der Gesundheitsförderung und Prävention liegt erwiesenermassen bei den strukturellen und gesetzlichen Massnahmen. Auch die Früherkennung und Frühintervention ist wirksam; damit erhalten besonders Menschen in vulnerablen Situationen und gefährdete Gruppen frühzeitig Hilfe und Unterstützung. Spätere Probleme wie eine Sucht können oft verhindert werden, indem möglichst früh eine geeignete Unterstützung oder Behandlung eingeleitet wird.

Die Früherkennung und Frühintervention darf sich aber nicht nur auf das Individuum konzentrieren, sondern muss zwingend auch eine unterstützende Umgebung schaffen. In einer solchen Umgebung sucht ein junger Mensch seltener einen Fluchtweg wie den Substanzkonsum und wendet sich im Fall von persönlichen Schwierigkeiten eher an eine unterstützende Person. 

Schweizer Jugendliche fühlen sich insgesamt wohl und verhalten sich gesund. Sehen Sie trotzdem bestimmte Zielgruppen, Settings oder neue Substanzen und Verhaltensweisen, wo man genauer hinschauen müsste? 

Im Grossen und Ganzen geht es den Jugendlichen gut. Die HBSC-Studie zeigt jedoch auch, dass ein nicht unbedeutender Anteil von 13 Prozent eine tiefe Lebenszufriedenheit angibt. Jugendliche, die mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, sollten einen möglichst einfachen Zugang zu Unterstützungsangeboten haben, die ihren Bedürfnissen entsprechen.
In diesem Zusammenhang ist der relativ hohe Cannabiskonsum der Jugendlichen nicht zu unterschätzen. Der Konsum von psychoaktiven Substanzen geht mit einer tieferen Lebenszufriedenheit und einem schlechteren selbstwahrgenommenen Gesundheitszustand einher. Jugendliche, die psychoaktive Substanzen konsumieren, sind ausserdem eher von multiplen chronischen psychoaffektiven Beschwerden betroffen als andere.
Auffallend ist ebenfalls, dass fast 40 Prozent der Jugendlichen unter chronischer Müdigkeit leiden. Diese Beschwerde ist bereits im Jahr 2018 am häufigsten aufgetreten, insbesondere bei den 15-Jährigen. Dies muss genauer untersucht werden.

Wo braucht es noch mehr wissenschaftliche Grundlagen?

Allgemein ist bei den HBSC-Daten zu beachten, dass nur der Altersbereich zwischen 11 und 15 Jahren abdeckt wird. Ab dem Alter von 15 Jahren werden Jugendliche in die Schweizerische Gesundheitsbefragung SGB aufgenommen. Um mehr über Kinder von 0 bis 10 Jahren und über ihr Gesundheitsverhalten zu erfahren, müsste die SGB mit Fragen zu Kindern ergänzt werden.
Generell ist die Datenlage zu Kindern lückenhaft. So existieren beispielsweise für diese Altersgruppe keine nationalen Prävalenzzahlen für psychische Störungen. Es fehlt ebenso an Daten zu den Gesundheitsbedingungen in den ersten Lebensjahren wie auch zu Lebensübergängen sowie zur kindlichen und jugendlichen Entwicklung. 

Mangelnde Bewegung ist relativ weit verbreitet. Wie fördert das BAG die Bewegung bei Jugendlichen?

Im Rahmen der Nationalen Strategie Prävention nichtübertragbarer Krankheiten engagiert sich das BAG zusammen mit den Kantonen, Gesundheitsförderung Schweiz und weiteren Bundesämtern für mehr Bewegung und für ein bewegungsfreundliches Umfeld. Die Arbeits- und Lebensbedingungen sollen so gestaltet werden, dass sie einen gesunden Lebensstil ermöglichen. Schliesslich bringt es wenig, das Velofahren zu propagieren, wenn es keine sicheren und attraktiven Velowege gibt. Auch müssen die Bewegungsräume für Kinder und Jugendliche gut erreichbar sein. Mit Bewegungsräumen in Siedlungsgebieten werden insbesondere sozial Benachteiligte am besten erreicht.

Zusammen mit sieben weiteren Bundesämtern fördern wir die nachhaltige Raumentwicklung mit innovativen Projekten von Gemeinden, Regionen, Agglomerationen und Kantonen. Dabei befassen wir uns unter anderem mit der Frage, wie neue oder bestehende Siedlungen entwickelt werden können, damit Bewohnerinnen und Bewohner ihren alltäglichen Bedürfnissen zu Fuss nachgehen können.

Im Rahmen der Koordinationsstelle für nachhaltige Mobilität KOMO unterstützen und begleiten wir zudem Projekte, die die Infrastruktur zu Gunsten des Velo- und Fussverkehrs verbessern. So beispielsweise das Projekt «bikecontrol safety» für die Veloförderung an Schulen oder das Projekt «Gemeinde bewegt».

Schliesslich beteiligen wir uns an der «Allianz Schule und Velo». Sie fördert die Attraktivität des Velofahrens bei den Kindern und Jugendlichen.

Hier geht es zur News über die HBSC-Studie:
Gesundheitsverhalten: Schweizer Jugendliche gut unterwegs

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Petra Baeriswyl
Sektion Gesundheitsförderung und Prävention

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