26.02.2020 «Wir retten zwischen 5 und 8 Millionen Leben – pro Jahr»

Interview. 5 Fragen an den Experten für Infektionskrankheiten Didier Pittet vom Universitätsspital Genf. Er leitet seit 2005 ein weltweites Programm zur Bekämpfung von Infektionen in Spitälern, das auf dem sogenannten «Genfer Händehygienemodell» aufbaut.

Bildstrecke «Wir retten zwischen 5 und 8 Millionen Leben – pro Jahr»

TODO CHRISTIAN

1     Herr Pittet, Sie leiten das Programm «Clean Care is Safer Care» der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Was bezweckt dieses Programm?

Unser Ziel ist, die Zahl der Infektionen in den Spitälern – die sogenannten Healthcare-assoziierten Infektionen oder HAI – zu verringern. Diese Infektionen betreffen weltweit ungefähr zehn Prozent aller Patientinnen und Patienten. Das sind mehrere Hundert Millionen Krankheitsfälle pro Jahr, die nicht nur eine enorme finanzielle Belastung der Gesundheitssysteme darstellen, sondern schätzungsweise auch 16 Millionen Menschen das Leben kosten: HAI fordern mehr Todesopfer als Malaria, Tuberkulose und AIDS zusammengenommen. Auch wenn diese Infektionen ein weltweites Problem sind, das noch nirgends gelöst worden ist, so ist die Krankheitslast in den Entwicklungsländern deutlich höher als in den entwickelten Ländern. Viele dieser Infektionen sind vermeidbar, das macht sie für mich so inakzeptabel.

2     Welches sind die wissenschaftlichen Grundlagen des Programms?

«Clean Care is Safer Care» baut auf den Erkenntnissen auf, die wir in den 1990er-Jahren mit Beobachtungsstudien am Universitätsspital Genf gewonnen haben. Damals haben wir erstmals belegt, dass Krankheitserreger meist über die Hände übertragen werden. Wir haben aber auch gesehen, dass sich das Gesundheitspersonal nicht genügend oft (und vielfach auch nicht genügend gründlich) die Hände wusch. Das lag in erster Linie am zu grossen Zeitaufwand: Wenn Sie sich 20-mal pro Stunde die Hände waschen müssen, darf dieser Vorgang nicht anderthalb Minuten dauern, weil Sie sonst die Hälfte der für die Patientenpflege reservierten Zeit für die Händehygiene aufbringen. Unser Lösungsansatz ist multimodal. Wir haben einerseits die Leute auf das Thema aufmerksam gemacht und sie in wirkungsvollen Techniken der Händehygiene ausgebildet. Andererseits haben wir eine alkoholische Händedesinfektionslösung entwickelt, mit der man sich die Hände einreiben kann. Diese Lösung tötet nicht nur effizient Erreger ab, sie bedeutet auch eine gros­se Zeitersparnis, denn das Fläschchen mit der Lösung steckt in der Manteltasche. So muss niemand mehr bis zum Lavabo gehen, um sich die Hände zu waschen.

Mit diesem «Genfer Händehygienemodell» haben wir von 1995 bis 2000 im Universitätsspital Genf die spitalassoziierten Infektionen auf die Hälfte reduziert. Seit 2005 weiten wir das Modell mit dem WHO-Programm weltweit aus und passen es jeweils an die lokalen Gegebenheiten an. Die Händedesinfektionslösung funktioniert auch in Ländern, wo sauberes Wasser alles andere als selbstverständlich ist.

3     Wie haben Sie Ihr Thema auf die Agenda der WHO gebracht?

Es lief umgekehrt. Die WHO hat mich im Jahr 2004 kontaktiert, nachdem die 55. Weltgesundheitsversammlung zwei Jahre zuvor eine Resolution verabschiedet hatte, in der alle Länder aufgefordert wurden, der Patientensicherheit grössere Aufmerksamkeit zu schenken. Die Resolution verpflichtete die WHO, Massnahmen und Praktiken zur Patientensicherheit zu entwickeln. So wurde ich gebeten, den ersten «Global Patient Safety Challenge» zu leiten, aus dem dann das «Clean Care is Safer Care»-Programm entstanden ist. Unterdessen haben 142 WHO-Mitgliedstaaten ihre Unterstützung für das Programm zugesagt. Dadurch retten wir Schätzungen zufolge weltweit zwischen 5 und 8 Millionen Menschen das Leben – pro Jahr.

4     Auf welche Faktoren führen Sie diesen Erfolg zurück?

Wir haben das Programm entlang von drei Hauptachsen aufgezogen, die alle wichtig sind und sich in ihrer Wirkung gegenseitig ergänzen und verstärken. Wir haben erstens öffentliche Kampagnen durchgeführt, um das Problembewusstsein für HAI zu schärfen. Zweitens haben wir uns überall, wo wir aktiv wurden, das politische Engagement zugesichert, indem wir die Gesundheitsminister gebeten haben, länderspezifische Zusagen – sogenannte «country pledges» – zu unterzeichnen, in denen sich die am Programm teilnehmenden Staaten verpflichten, der Händehygiene im Gesundheitswesen höchste Priorität einzuräumen und die verfügbaren Daten zu HAI in ihrem Land mit der WHO zu teilen. Das hat uns drittens in die Lage versetzt, für einen offenen Austausch von Erfahrungen und Erkenntnissen zu sorgen und einen weltweiten Lernprozess in Gang zu setzen.

5     Was bleibt noch zu tun?

Wir dürfen uns nicht auf den Lorbeeren ausruhen, sondern müssen unsere Anstrengungen unvermindert fortsetzen, damit die Händehygiene und die Verringerung von Infektionen weiterhin im Fokus bleiben.

Links

Kontakt

Prof. Dr. med. Didier Pittet
Leiter Abteilung für Infektionsprävention am Universitätsspital Genf

Nach oben