01.03.2011 Neue Herausforderungen an die stationäre Drogentherapie

Suchthilfe. Ambulante und stationäre Suchthilfeeinrichtungen sollen vermehrt zusammenspannen, anstatt sich – angesichts der Budgetkürzungen der öffentlichen Hand und der erhöhten Anforderungen an moderne, effektive Drogentherapien – als gegenseitige Konkurrenz zu verstehen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Universität Lausanne im Auftrag der Westschweizer Suchtkoordination CRIAD.

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Die Suchtbehandlung der Schweiz wird seit einigen Jahrzehnten kontinuierlich auf- und ausgebaut. Erst profitierte davon vor allem der stationäre Bereich. Seit den 1990er-Jahren konzentrieren sich die Anstrengungen vorwiegend auf ambulante Einrichtungen mit ihren Angeboten Substitution und Schadensminderung. Während der ambulante Bereich also immer mehr erstarkte, ging der Anteil des stationären Bereichs an der Suchthilfe kontinuierlich zurück. Die zunehmende Bedeutung schwerer sozialer und psychopathologischer Situationen und die veränderten Profile der drogenkranken Personen dürften diesem Trend ein Ende setzen. Stationäre Suchteinrichtungen gewinnen wieder an Bedeutung.

Evaluation des stationären Angebotes
Alle Akteure im Suchtbereich betrachten heute die Vernetzung und die gegenseitige Ergänzung der Interventionsbereiche (sozial und medizinisch) und Betreuungsarten (ambulant und stationär) als Voraussetzung für eine optimale Behandlung und Begleitung von Suchtabhängigen. Doch wie sieht die Realität aus? Wie steht es um die Zusammenarbeit dieser beiden Bereiche? Um diese Fragen zu beantworten, hat die Westschweizer Suchtkoordination CRIAD (Coordination romande des institutions œuvrant dans le domaine des addictions) das Forschungsinstitut Stadt und nachhaltige Entwicklung der Universität Lausanne (Observatoire de la ville et du développement durable) mit einer Studie beauftragt. Ziel war eine Evaluation des stationären Suchthilfeangebots in der Westschweiz und seiner Verbindungen zum ambulanten Bereich. Zur Anwendung kam ein pluralistischer Ansatz mit drei komplementären Methoden zur Datenerhebung und ‑bearbeitung: eine dokumentarische Analyse, ein statistisch-datenorientierter Ansatz sowie eine Befragung von 120 Personen – bei den stationären Anbietern, den ambulanten Leistungserbringern und auch bei den betroffenen Klientinnen und Klienten.

Vielfältig, aber unübersichtlich
Das stationäre Angebot ist zwar in den meisten Kantonen gross und vielfältig. Aber oft ist es – besonders für Akteure ausserhalb des stationären Bereichs – schwer lesbar. Die Inhalte der einzelnen Einrichtungen gehen aus den Beschreibungen zu wenig klar hervor. Stark gewandelt hat sich auch das Profil der Klientel: Die Gruppe der marginalisierten Drogenkonsumenten der 1980er- und 90er-Jahre ist individuell stark desintegrierten Abhängigen gewichen. Diese leiden häufiger als früher an Mehrfachabhängigkeit und Komorbiditäten. Die meisten Einrichtungen im stationären Bereich entsprechen heute nicht mehr einem hochschwelligen Angebot mit hohen Anforderungen an die Abhängigen (Abstinenz, Zusammenleben, allenfalls berufliche Wiedereingliederung). Vielmehr werden im stationären Bereich Abhängige behandelt, die aufgrund ihrer Probleme und ihres Parcours in erster Linie Massnahmen sozialpädagogischer Art (vor allem junge Klientinnen und Klienten) oder zur gesundheitlichen oder sozialen Wiederherstellung benötigen und nicht hochschwellige Therapie.
Der ambulante Bereich wünscht sich einen niederschwelligeren und flexibleren Zugang zum stationären Bereich, beispielsweise auch für ein Timeout zur Überwindung einer Krise. Herkömmliche Zielsetzungen der stationären Therapie wie Abstinenz und berufliche Wiedereingliederung sind mehr und mehr ins Wanken geraten. Mittlerweile haben einige stationäre Einrichtungen Substitutionsangebote eingeführt. Bei den Methoden der stationären Behandlung macht die Therapiegruppe zunehmend einer individualisierteren Betreuung Platz.

Viele mögliche Wege
Die Studie zeigt also, dass es nicht nur einen Weg gibt, Abhängigkeit zu besiegen oder zu bewältigen, nicht nur eine Behandlungsart für Menschen in Suchtsituationen. Diese Erkenntnis führt zur Forderung nach institutioneller Durchlässigkeit und besserer Vernetzung von stationären und ambulanten Einrichtungen. Die Integration der beiden Bereiche bietet die Möglichkeit, die Kontinuität der Behandlung zu verbessern und damit die Wirksamkeit der Betreuung zu erhöhen. Es müssen Möglichkeiten für eine bedarfsgerechte Behandlung von Abhängigen in unterschiedlichen Situationen und mit unterschiedlichen Krankheitsverläufen geschaffen werden.

Empfehlungen für den gemeinsamen Weg
Um dies zu erreichen, empfehlen die Autoren des Evaluationsberichts folgende Massnahmen:
– Die Schaffung eines gemeinsa­men Referenzsystems und/oder kon­zentrierter und standardisierter Vorgehensweisen, um eine übereinstimmende Definition der Suchtproblematik, der daraus ent­stehenden Schwierigkeiten und der Kette von erfolgversprechenden Behandlungsangeboten zu erreichen
– Gemeinsame Zieldefinition der einzelnen Akteure betreffend Angebot, Betreuungskonzept, Leistungen, Zielgruppen und Partnerschaft auf dem Gebiet der Suchtbehandlung und Suchtprävention
– Erneuerung und Anpassung des stationären Leistungsangebots und Anerkennung seiner Relevanz bei der Behandlung von Menschen mit Suchtproblemen
– Aufbau geeigneter Schnittstellen zwischen stationärem und ambulantem Bereich als komplementäre Ketten eines kohärenten Behandlungssystems
– Formalisierte Indikationsverfahren und Zusammenarbeitsformen für mehr Kontinuität bei der Behandlung (gemeinsame Therapiepläne)
– Ausbau von Ausbildung und Information zum integrierten Angebot, um Good Practices zu nutzen, sowie Wissen und Erkenntnisse zu verbreiten Die Autoren attestieren den evaluierten stationären Suchteinrichtungen der Westschweiz grosses Potenzial. Sie seien wichtige Akteure in der Schweizer Suchtpolitik und böten den Klientinnen und Klienten zunehmend diversifizierte Betreuungen mit positiven Ergebnissen. Die Vernetzung von stationärem und ambulantem Bereich bietet laut der Studie gute Chancen, die Kontinuität in der Behandlung und das Durchhalten der Klienten zu verbessern und damit die Effizienz und die Kohärenz des Gesamtsystems sicherzustellen. Sie erlauben es, nachhaltige, integrierte Lösungen mit Einbezug des vorhandenen Know-how und der bisherigen Leistungen zu entwickeln. Die stationären Suchthilfeeinrichtungen sind gefordert, ihr Angebot und ihr Selbstbild an die neuen Herausforderungen (wie sich verändernde Profile ihrer Klientel) anzupassen.  
Den Kantonen obliege es, Rahmenbedingungen für eine bedarfsgerechte Behandlung von Abhängigen in unterschiedlichen Situationen und mit unterschiedlichem Parcours zu schaffen, der oft sowohl ambulante wie auch stationäre Behandlung umfasst.

Sie finden die deutsche Zusammenfassung des Berichtes unter: http://www.bag.admin.ch/themen/drogen/00042/index.html?lang=de.

Kontakt

René Stamm, Sektion Drogen, rene.stamm@bag.admin.ch

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